Maja Beckmann spielt bei den Autor:innenTheaterTagen am Deutschen Theater den griechischen Helden Ajax in Christopher Rüpings Inszenierung „Ajax und der Schwan der Scham“. Auch sonst liebt sie das Risiko – mit Sinn und Seele. Irene Bazinger hat die Schauspielerin zum Gespräch getroffen.

tipBerlin Frau Beckmann, zu den Autor:innenTheaterTagen des Deutschen Theaters ist ein Stück mit dem geheimnisvollen Titel „Ajax und der Schwan der Scham“ vom Thalia Theater eingeladen, in dem Sie mitspielen. Worum geht es da?
Maja Beckmann Es ist ein Ausflug in die Mythenwelt der alten Griechen, verbunden mit dem Film „Black Swan“ von Darren Aronofsky. Der Regisseur Christopher Rüping hat das Stück zusammen mit dem aus Nils Kahnwald, Maike Knirsch, Hans Löw, Pauline Rénevier und mir bestehenden Ensemble entwickelt. Ich spiele Ajax, einen der Kämpfer vor Troja. Ajax ist der klassische ewige Zweite. Als Achill im Kampf stirbt, schleppt er den Leichnam zurück ins Lager der Griechen und möchte als Belohnung dessen Rüstung kriegen. Die bekommt dann aber Odysseus, weshalb Ajax enttäuscht und frustriert völlig durchdreht.
tipBerlin Und was hat das mit dem Film „Black Swan“ zu tun, der sich mehr oder weniger um das Ballett „Schwanensee“ und Konkurrenzkämpfe bei der Besetzung dreht?
Maja Beckmann Wir haben uns auf die Frau konzentriert, die das Tanzdouble der Hauptdarstellerin Natalie Portman spielte, was allerdings geheim bleiben musste. Portman bekam später den Oscar, ihr Double hingegen kannte niemand! Auch sie ist nur die Zweite – und schämt sich deswegen zutiefst. Wie geht man mit so einer Missachtung um? Anders gefragt: Wie ehrgeizig dürfen Frauen sein und müssen sie den männlichen Ehrgeiz kopieren?
tipBerlin Bei Männern ist Ehrgeiz eine Tugend, bei Frauen peinlich?
Maja Beckmann Schön gesagt. Aber der ehrgeizige Odysseus bietet bei uns keine Angriffsfläche, er ist gegenüber Ajax fast verletzend verständnisvoll. Das bringt Ajax erst recht in Wut und erhöht noch seine Scham, als er am Schluss erkennen muss, wie sehr er sich in seinem blinden Ehrgeiz zu einer extremen Überreaktion hat hinreißen lassen.
tipBerlin Sie haben die Produktion ohne festen Text als Versuchsanordnung über ein paar Themen – Ehrgeiz, Scham, Konkurrenz – begonnen. Wie geht das?
Regisseur Christopher Rüping gehört zu Maja Beckmanns Theaterfamilie
Maja Beckmann Für mich hat das ganz viel mit Vertrauen zu tun. Ich habe schon mehrfach mit Christopher Rüping gearbeitet, er gehört mit Nils Kahnwald, Benjamin Lillie und Wiebke Mollenhauer zu meiner Theaterfamilie. Auf den Proben haben wir improvisiert, Christopher hat sich das angeschaut, zu Hause einen Text daraus gemacht, den haben wir dann gespielt und ausprobiert, ob er auf der Bühne funktioniert. So kamen wir Schritt für Schritt voran. Ich verlasse mich darauf, dass er genau sieht, was wir tun, wie es ins Konzept passt, wie man darauf aufbauen kann.
tipBerlin Sie haben keine Angst vor dem Risiko, quasi vor dem weißen Blatt?
Maja Beckmann Nein, ich fürchte mich nicht vor der Freiheit, wenn ich mit Menschen zusammenarbeite, denen ich vertraue. Ich habe keine Angst davor, am Anfang einer Produktion mit nichts zu hantieren. Es wäre so wichtig, dass das Theater überhaupt sich nicht von der Angst leiten lässt, sondern auf der Suche bleibt.
tipBerlin In der Inszenierung geht es auch um Künstliche Intelligenz, um Bildmanipulation in Form von Deep Fakes und um Identitätsdiebstahl.
Maja Beckmann Ja, denn in „Black Swan“ wird das Gesicht der echten Tänzerin durch das von Natalie Portman ersetzt. Wir machen das auf der Bühne ähnlich, zeigen aber das Double und wie es sich darüber aufregt. Das kann ich gut verstehen. Ich möchte auch nicht, dass jemand so etwas mit mir macht. Dagegen müssen wir geschützt werden, da muss es Gesetze geben, dass niemand mit meinem Gesicht, mit meinem Körper, mit meiner Stimme arbeiten kann, ohne dass ich gefragt werde und zustimme.
Eine Maschine wird nie eine Seele haben, wie man sie auch immer benennt
Maja Beckmann
tipBerlin Der Effekt in der Aufführung ist sehr eindrucksvoll. Erwächst den Schauspieler:innen durch die KI auf Dauer ernsthafte Konkurrenz?
Maja Beckmann Es ist bestimmt praktisch, wenn man mit effektiven, immer funktionierenden, zielorientierten KIs arbeitet. Aber eine KI kann nur schwarz und weiß, sie kann keine Grautöne dazwischen. Mit ihr kann man Perfektion erreichen – keine Menschlichkeit. Eine Maschine wird nie eine Seele haben, wie man sie auch immer benennt.
tipBerlin Was rechtfertigt Ihr Vertrauen in das Publikum, dass es den Unterschied zwischen Mensch und immer besser programmierter Maschine, zwischen Seele und Algorithmus erkennt und würdigt?
Maja Beckmann Gute Frage! Und weil Fragen immer besser sind als Antworten, würde ich diese Frage auch gern so stehen lassen.

tipBerlin Sie spielen viel in Projekten und Romanadaptionen. Was interessiert Sie an dieser Form von Theater?
Maja Beckmann Ich will die vorhandenen Stücke oft auseinandernehmen und dann neu zusammensetzen. Denn ich frage mich immer, was sie mit uns heutigen Menschen zu tun haben. Meist erscheint mir eine Überschreibung sinnvoller als das Original, um zu überprüfen und zu zeigen, was heute noch stimmt und was nicht. Wer spricht? Was sind die patriarchalen Erzählweisen? Wie werden die Geschlechter- und Machtverhältnisse dargestellt? Glauben Sie denn, dass man zum Beispiel Lessings „Emilia Galotti“ einfach vom Blatt spielen kann?
tipBerlin Als Andrea Breth vor gut zwanzig Jahren „Emilia Galotti“ in Wien inszenierte und kein Komma darin änderte, war das superspannend und ein riesiger Erfolg, eingeladen zum Theatertreffen. Die Inszenierung überzeugt noch heute, wenn man sich die DVD anschaut. Lessing hat seine Zeit schließlich auch genau studiert, geprüft und heftig kritisiert.
Maja Beckmann Da haben Sie recht. Ich möchte halt in den Stücken genau untersuchen, welche Position zum Beispiel die Frauen darin haben, oder welche Menschen keine Stimme bekommen. Aber die großen Dichter und Denker haben uns sicher bis heute etwas zu sagen, jenseits ihrer normalen historischen Bedingtheiten.
Maja Beckmann: „Man sollte Theater nicht klein denken“
tipBerlin Sie sind schon Ihr ganzes Leben lang Schauspielerin. Drei Ihrer vier Geschwister sind ebenfalls am Theater, darunter Lina Beckmann. Zweifeln Sie trotzdem manchmal an Ihrem Beruf?
Maja Beckmann Ich zweifle nicht an meinem Beruf, aber ich finde ihn immer wieder herausfordernd. Natürlich geht man durch Erschöpfungsphasen und durch Zeiten, in denen man weniger Vertrauen zu sich und den anderen hat. Und man ist nie fertig mit diesem Beruf. Er ist auch nicht immer so einfach auszuführen, weil man sich fragt, was erzählen wir hier und welchen Einfluss haben die Worte, wenn sie meine Mund verlassen haben und in die Welt hinausgehen? Das ist jetzt vielleicht groß gedacht, aber man sollte Theater auch nicht klein denken.
tipBerlin Das wäre dann so etwas wie die Selbstermächtigung der Schauspielerin, die für Ihr Tun auch die Verantwortung übernimmt?
Maja Beckmann Ja, denn ich will auf jeden Fall meine Texte gedanklich durchdrungen haben und mit ihnen selbst etwas anfangen können – sonst kann ich nicht erwarten, dass sie andere erreichen können. Es liegt mir etwas daran, dass mich mein Gegenüber versteht, auch hier in unserem Gespräch. Ich sehe immer deutlicher die fatalen Konsequenzen schlechter Kommunikation und würde es gern gut hinkriegen – mit der verrinnenden Zeit wird auch das Leben kostbarer. Deshalb frage ich mich wirklich aufrichtig: Macht es Sinn, was ich auf der Bühne sage und tue? Das ist mein Anspruch, auch wenn er manchmal schwer zu erfüllen ist oder ich mir denke, ich schaffe es nicht.
Maja Beckmann ist demnächst in Goethes „Wahlverwandtschaften“ zu sehen
tipBerlin Sie haben immer in festen Engagements gearbeitet, nun sind Sie erstmals freischaffend tätig.
Maja Beckmann Ich weiß nicht genau, wie es mit mir weitergehen wird. Als nächstes spiele ich jedenfalls in einer Dramatisierung von Goethes „Wahlverwandtschaften“ in der Regie von Leonie Böhm am Theater Basel. Bei Goethe sind Worte und Sätze in einer Genauigkeit gefasst, die wir gar nicht mehr kennen. Und es wirkt, als hätten wir bis heute gar nicht mehr so einen Wortschatz, da sind 100.000 Wörter verloren gegangen. Wie er Menschen und Gefühle beschreibt, ohne in Kitsch zu verfallen, ist der absolute Wahnsinn!
tipBerlin Die Schauspielerin Angela Winkler erzählte mir einmal, wie intensiv sie die Zeit vor einem Auftritt erlebt und das Leben genießt, ehe sie auf die Bühne muss. Können Sie das nachvollziehen?
Maja Beckmann Und wie! Es gibt wirklich Aufführungstage, da wird mir ganz deutlich, dass ich nicht am richtigen Leben teilhaben kann. Ich kann nicht die normalen Sachen wie die anderen Leute machen. Dann streune ich durch die Straßen und schaue in die Fenster und denke mir, alle Menschen leben ihr Leben und ich warte nur darauf, dass es gleich losgeht. Das ist eine besondere Situation mit mir allein, ich kann dann auch eigentlich gar nicht mit anderen kommunizieren.
tipBerlin Was ist für Sie Glück?
Maja Beckmann Das ist eine schöne Frage. Ich habe auch keine Angst, sie zu beantworten, wie sie manche Menschen haben, weil sie fürchten, dann ist es ausgesprochen und womöglich weg. Für mich jedenfalls ist Glück ein innerer Frieden plus Neugier. Wenn ich diesen Zustand manchmal für ein paar kleine Minuten erreiche, ist es das pure Glück.
- Deutsches Theater Schumannstr. 13a, Mitte, Premiere: Sa 14.6., 20 Uhr, So 15.6., 16 Uhr, Karten 6–52 €, Website
Zur Person

Maja Beckmann begann ihre Theaterlaufbahn im Rahmen einer Elevinnenausbildung am Schauspielhaus Bochum, wo sie über zehn Jahre im Ensemble blieb. Nach Stationen am Staatstheater Stuttgart und an den Münchner Kammerspiele ging sie 2019 nach Zürich. Dort arbeitete sie weiter mit dem Regisseur Christopher Rüping, etwa in dessen Inszenierungen von Sarah Kanes „Gier“ und Jean-Luc Lagarces „Einfach das Ende der Welt“ (eingeladen zum Theatertreffen). Für letztere wurde sie 2021 zur „Schauspielerin des Jahres“ gewählt. Beide Stücke sind inzwischen am Deutschen Theater zu sehen. In der Fernsehserie „Stromberg“ spielte Maja Beckmann die Rolle der Sabine „Sabbel“ Buhrer.
Die Autor:innenTheaterTage sind eins der großen Highlights im Juni 2025 in Berlin. Ein himmlischer Sommer: Das Luftschloss Tempelhofer Feld bringt Open-Air-Events aufs Feld. Das muss klappen: Am Berliner Ensemble soll eine Helene-Weigel-Skulptur entstehen. Wer ist hier eigentlich das Schwein? Stefanie Reinsperger und Kathleen Morgeneyer über Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Sie hat den Instinkt fürs Theaterglück: Schaubühnen-Schauspielerin Jule Böwe. „Die Welt ist eben nicht zugemauert“: Martin Wuttke im Gespräch. Was sonst noch so los ist auf Berlins Bühnen, findet ihr in unserer Übersicht über aktuelle Termine und Texte rund um Kultur und Theater.

