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Klassiker

„Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans“ an der Akademie der Künste

„Der Krieg wird auch zu euch kommen“ Robert Schuster macht in „Malalai – die afghanische Jungfrau von Orléans“
aus der Kitsch-Heiligen von Friedrich Schiller eine Feministin

Foto: Annette Hauschild

Robert Schuster holt Schillers „Jungfrau von Orléans“ auf ungewöhnliche Weise in die Gegenwart: Er hat die Tragödie mit afghanischen, deutschen, französischen, israelischen Schauspielern inszeniert. Die Aufführung, eine Produktion des Kunstfest Weimar, die jetzt in der Akademie der Künste gastiert, schließt die religiöse Erlösungsphantasie aus dem 15. Jahrhundert mit sehr realen heutigen Konflikten kurz. Die Besetzung mit den Afghanen des Theater Azdar aus Kabul ist dabei schon die eigentliche Interpretation. Ihr Spiel ist beeindruckend in seiner Klarheit und Direktheit. Ihre Einreise war nur möglich, weil Privatleute bürgten, für mögliche Kosten aufzukommen, falls die Schauspieler das Gastspiel benutzen, um in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. Sie hätten allen Grund, politisches Asyl zu beantragen. Im Dezember 2014 zündete während einer ihrer Vorstellungen in Kabul ein Selbstmordattentäter im Publikum eine Bombe. Dass die Schauspieler noch leben, ist reines Glück. Ihr Beruf macht sie zur Zielscheibe der Islamisten. Der Titel des Stücks, das sie damals spielten, klingt wie die Vorwegnahme des Lebens, das sie derzeit führen: „Heart Beat – The Silence after Explosion“.

Dieser Schrecken der Stille nach der Explosion sickert immer wieder in die Inszenierung ein. Ein Schauspieler findet etwa hinter der Bühne T-Shirts, wie sie sie damals trugen und hat plötzlich „ein schlechtes Gefühl für die Vorstellung“. Ein Einbruch der Wirklichkeit ins Spiel. Schillers Verse werden von Bildungsgut, das von einem Gewaltkonflikt der frühen Neuzeit im berichtet, zu denkbar konkreten Sätzen. Man hört sie an diesem Abend wie zum ersten Mal. Sie handeln in Schusters Inszenierung von einer Wirklichkeit, die uns mehr angeht, als uns lieb sein kann, etwa wenn Thibaut (Abdul Mahfoz Nejrabi), Jeannes Vater, zu Beginn des Stücks seine Töchter warnt: „Der Krieg wird auch zu euch kommen, der Krieg verändert alles.“ Das ist keine Exposition zum Stückauftakt, sondern der Bericht einer realen Erfahrung.

Wenn Jeanne die englischen Usurpatoren Frankreichs in einer Schlachtszene (Choreografie: Martin Gruber) niedermetzelt, klingt ihre Erklärung wie ein Statement aus den afghanischen Kriegen der letzten Jahrzehnte: „Wer rief euch in das fremde Land, um Krieg und Feuersbrunst zu bringen“ – schöne Grüße an die Truppen der Roten Armee und die US-Marines! Wenn Jeanne, letztes Beispiel, in derselben Szene den Automatismus des sich selbst fortsetzenden Krieges, die Eigendynamik der Gewalt, feiert und benennt, ist das auch eine Analyse der Handlungslogiken heutiger Konfliktmuster: „Und nimmer irrend regiert das Schwert sich selbst.“ Allein diese verblüffend passgenaue Überblendung, Durchdringung und gegenseitige Beleuchtung von literarischem Stoff und aktueller Realpolitik, das Ineinander dreier Zeitebenen (der Handlungszeit des Stückes 1430, die Entstehungszeit um 1800 und der Gegenwart) lohnt die Inszenierung.

Weil diese Jeanne von kollektiven Erfahrungen spricht, hat Schuster sie mit drei Schauspielerinnen besetzt, zwei Französinnen und einer Israelin (Hadar Dimand, Thais Lamothe, Céline Martin-Sisteron). Und weil es nicht um Individualpsychologie, sondern um gesellschaftliche Großkonflikte geht, sind die Figuren in Schusters Inszenierung im Stil des dem Holzschnitt und den sehr deutlichen Gesten zugeneigten Brecht-Theaters stark typisiert: keine Einzelcharaktere, sondern mit weißen Hosen, traditioneller afghanischer Kleidung und schwarzen Lederjacken uniformierte Soldaten.

Für die Schlachtszenen werden auf der ansonsten leeren Bühne bewegliche Metallwände zu vorrückenden Schlachtreihen, Sichtschutz oder als Lärmquelle malträtierten Schlaginstrumenten (Bühne und Kostüm: Eva-Maria van Acker). Schusters Hang zur didaktischen Überdeutlichkeit geht leider mit einem etwas buchhalterischen Umgang mit der Stückfabel einher: Mit dem Pflichtbewusstsein eines wackeren Philologen wird Szene für Szene, Akt für Akt abgearbeitet. Dass die Schauspieler gerne kulturelle Stereotype bedienen, vom deutschen Heldentenor bis zur französischen Sirene, ist vielleicht Konzept, sorgt aber für einen Beigeschmack von Kabarett. Diese Handicaps werden mehr als ausgeglichen durch die kluge, entschlossene Neudeutung der Jeanne-Figur als emanzipierte, mutige Frau.

Der Titel des Abends „Malalai“ verweist auf reale Vorbilder: Die Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai, der Taliban in den Kopf schossen, weil sie als 15-Jährige Zugang zu Bildung für Mädchen forderte, und die afghanische Politikerin Malalai Joya, die Islamisten, Warlords und Besatzungsmächte gleichermaßen bekämpft. Aus Jeanne, der nationalen Kitsch-Heiligen und religiös überspannten Schwärmerin, wird eine Figur der politischen und feministischen Selbstbestimmung – das Gegenteil einer Glaubensfundamentalistin.

Akademie der Künste Studio, Hanseatenweg 10, Fr 19.1., So 21.1., 19 Uhr, Eintritt 13, erm. 7 €

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