Theater

Männlich Weiß Hetero im HAU

Männlich Weiß Hetero: Sexy MF

Sie sind männlich, weiß und obendrein heterosexuell? Willkommen in der Krise. Vielleicht merken Sie von Ihrem Niedergang noch nichts, vielleicht läuft alles wie gewohnt. Aber Sie werden schon seit einiger Zeit misstrauisch beäugt. Und das haben Sie, jetzt mal ehrlich, auch irgendwie selbst verschuldet. Schließlich saß der Typus der „männlichen weißen Hete“ (Renй Pollesch) über Jahrhunderte am längeren Hebel. Für jede Schublade zu groß, ist er seit Generationen damit beschäftigt, andere Gruppen als abweichend zu labeln. „WHM sind jene, die lange Zeit von schmerzhaften Markierungen weitgehend verschont geblieben sind, oder, negativ formuliert, die keinen nennenswerten Diskriminierungsstatuts für sich beanspruchen können“, bringt es der Philosoph Luca Di Blasi auf eine Formel.
Allerdings bröckelt nicht erst seit Renй Pollesch, Conchita Wurst und Angela Merkel die Macht der weißen Heten, und damit die Selbstverständlichkeit, sich selbst breitbeinig mit der Normalität zu verwechseln. Es passt, dass das HAU sein Programm „Weiß männlich heterosexuell“ ein „Festival über Privilegien“ nennt. Schließlich soll der genreübergreifende Mix aus Bühnenprogramm, Gespräch und Party nicht selbst zur Klischeebildung beitragen.
Männlich Weiß Hetero: Straight White Men„Die meisten von uns sind auf die eine oder andere Weise privilegiert“, sagt HAU-Chefin Annemie Vanackere im Vorfeld. „Der WHM ist für uns vor allem Bezugspunkt für die Frage danach, wie das Labeling einzelner Gruppen und Geschlechterrollen Machtverhältnisse prägt.“
Kernstück des Festivals ist die Arbeit „Straight White Men“ der in New York aktuell gefeierten Theatermacherin Young Jean Lee. Drei Söhne um die 40 treffen sich bei ihrem Vater. Es ist Weihnachten und der Konflikt also vorprogrammiert. Einer der Söhne, Matt, Harvard-Absolvent, ist karrieretechnisch hinter den Erwartungen zurückgeblieben, was für die erfolgreichen anderen Familienmitglieder noch in Ordnung ginge, wäre er selbst wenigstens unglücklich damit.
Die Inszenierung dreht sich um die Frage, wie ein Machtsystem von seinen Protagonisten verändert werden kann, ohne sich dabei selbst zu unterminieren. Young Jean Lee nutzt dafür eine Form, in der für das HAU-Publikum die eigentliche Sprengkraft liegen dürfte: straightes, naturalistisches Theater – bis in die halbledernde Sofagarnitur hinein. Wie ein Chamäleon wechselt die Autorin und Regisseurin ihre Ästhetik und passt sie diesmal den vermuteten Sehgewohnheiten der von ihr auf die Bühne gebrachten WHMs an, Brüche inklusive.
An gelungenen Irritationen herrscht auch sonst kein Mangel. Im burlesken „Paraiso“ werden drei Männer von der Choreografin Marlene Monteiro Freitas im Torrero-Kostüm sinnlich schräg domestiziert. Luk Perceval zeigt eine Art letztes Aufbäumen des geliebten weißen Mannes im dichten „Platonow“-Kondensat. Und in der Performance „SexyMF“ verstört oder betört die intime Nähe von Halbmännern und Halbfrauen, die dem Zuschauer nackt gegenübersitzen. Eins der einprägsamsten Bilder für die aktuelle Krise der Männlichkeit findet Andros Zins-Browne in „The Host“: Cowboys, das Heldenbild des weißen heterosexuellen Mannes, kämpfen darin auf dem unsicher gewordenen Terrain eines riesigen Luftkissens um eine standfeste Haltung. Wer sich als weißer heterosexueller Mann neu erfinden oder wenigstens die eigene Krise genießen will, findet hier jede Menge Anschauungsmaterial!

Text: Sabine Schouten

Foto oben: Ana Borralho / Joao Galante

Foto unten: Unbekannt

Männlich Weiß Hetero. ?Ein Festival über Privilegien, HAU 1, HAU 2, HAU 3, 21.4.–2.5., ?Karten-Tel.: 25 90 04 27

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