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Marie Rodewald und Holger Foest über „Ein Fest ohne Anna“

Marie-Rodewald-„Ein Fest ohne Anna“ wurde in den Rathenauhallen, einem ehemaligen Fabrikgelände, aufgeführt. Wie wichtig ist der Ort für das Stück?
Foest: Wir haben einen unkonventionellen Theaterraum gesucht. Es stand fest, dass wir keine klassische Theatersituation wählen möchten, da Zuschauer und Schauspieler sich an einem Ort befinden sollten. Entscheidend war, dass der Charakter einer Wohnung gewahrt war. Schließlich wird die Location im Stück als Annas Wohnung verortet. Im Zusammenhang mit der Demenz kongruiert dieser Ort, da in dieser Industrieruine scheinbar auch die Zeit stehen geblieben ist und Spuren der Erinnerung zu finden sind.
Rodewald: Ursprünglich sollte das Stück in einer Privatwohnung stattfinden. Da wären wir aber schnell an Grenzen gestoßen. Das ideale an den Rathenauhallen ist die Mischung aus scheinbar privaten Räumlichkeiten und einer Bewegungsfreiheit.

Ein Raum, der nicht in den gängigen Theaterbetrieb integriert ist, ermöglicht eine ganz andere Intimität. Wie unterschied sich der Probenbetrieb von gängigen Produktionen?

Foest: Zuerst einmal gab es nur Charakterprofile, aber keinen Text. Das heißt, wir haben sehr viel improvisiert. Hinzu kam, dass von Anfang an klar war, dass der Zuschauer mit den Schauspielern an einem Tisch sitzt,
Rodewald: Generell arbeiten wir viel guerillamäßiger und viele Elemente entwickeln sich erst im Probenprozess. Bei „Ein Fest für Anna“ war aber schon klar, wie die Aufführung aussehen würde. Von daher stellte der Probenprozess eher ein Training da. Aber es war aufgrund des fehlenden Textes ein sehr schöpferischer Prozess, der von der Frage dominiert wurde:  Wie schafft man es, das Thema so zu bearbeiten, dass immer wieder diese Leuchtboje von Anna nach oben kommt?

Es klingt nach einer großen Herausforderung, einen Stoff zu bearbeiten, der auf der eigenen Familiengeschichte basiert. Schafft die künstlerische Auseinandersetzung auch eine Art Distanz?

Rodewald: Wir arbeiteten zuvor am Projekt „An meinen toten Vater“, bei dem wir sehr autobiografisch gearbeitet haben. Dabei war die Distanz tatsächlich größer, weil es nicht meine Familiengeschichte war. Grundsätzlich versuchen wir aber eine Allgemeingültigkeit zu erreichen, die vom rein biografischen Anfang wegführt. Ich habe bei Charakter-Grundzügen der Figuren an meine Familie gedacht, jedoch entwickelte sich im Probenprozess ein Eigenleben. Die Schauspieler haben ohnehin ihren Rollen viel Eigenes hinzugefügt.

Das Publikum sitzt mit den Schauspielern am Tisch. Eine imaginäre Kaffeetafel. Man hört den Familiengeschichten zu, ist unheimlich nah am Geschehen dran, aber kennt letztlich doch nicht sein Gegenüber. Spiegelt sich darin die Perspektive Annas: Die Nähe zur Familie bei gleichzeitiger Unkenntnis bezüglich des Inhaltes ihrer Gespräche?
Rodewald: Das ist konzeptionell nicht so verankert, aber ich finde es schön, wenn solche Gedanken entstehen. Ganz konkret handelt es sich um meine Beobachterperspektive und meine Positionierung zu der Familie, die sichtbar wird: integriert, jedoch gleichzeitig ganz weit draußen.

Holger-FoestEs klang bereits an, dass die Improvisation ein sehr wesentliches Element darstellt. Gab es auch Momente, in denen die Zuschauer mehr ins Spiel eingegriffen als vorgestellt?
Foest: Das kam vor und das war so gewollt. Wir nahmen bewusst eine Gratwanderung vor: Mit einer Reaktion muss man rechnen, wenn man Menschen direkt anspricht. Wir wollen hin zur Integration des Zuschauer: Ihm begreiflich machen, dass seine Kommentare einen entscheidenden Faktor darstellen.

Als Zuschauer verlässt man das Stück, wie man es betreten hat, es gibt keine Katharsis, dafür ein offenes Ende. War es von Anfang an klar, dass sich eine klassische Dramaturgie für dieses Stück nicht eignet?
Rodewald: Mir wäre es am liebsten, wenn es keinen Applaus gegeben hätte. Aber dafür war das Team noch nicht weit genug. Ideal wäre der fließende Übergang vom Leben „draußen“ und hier drin. Keine Theatralität.

Schwebt Euch eine ästhetische Programmatik vor, die man dann auch in 2014 weiter verfolgen kann?
Rodewald: Wir forschen ganz viel an bestimmten Formaten. Neben der Improvisation ist auch die Interdisziplinarität
Foest: Die formale Suche ist immer eine neue. Wir begrenzen uns nicht auf Theaterformate für wenig Zuschauer. Es könnte auch eine Party werden, wenn es das Thema für uns einfordern würde.

Ihr seid letztes Jahr nach Berlin gezogen. Welche Impulse bietet denn die Stadt bei der Suche nach den Stoffen und als Theatermetropole?
Foest: Bei Stoffen haben wir ganz klar einen regionalen Bezug. Wir sind ja in Oberschöneweide, der Ort ist für uns in Berlin sehr reizvoll. Er bietet, was sich in Berlin immer mehr reduziert hat: Das sind die Nischen, das sind die leeren Gebäude, die Brüchigkeit. Ich stamme ursprünglich aus Schöneberg und habe erlebt, wie sich der Ort über die Zeit verändert hat. Oberschöneweide ist ein einerseits ein Brennpunkt, ein Ort verschwindender Industriedenkmäler, anderseits ist auch die Nähe zur Natur in Köpenick gegeben.
Rodewald: In Berlin liegen die Themen liegen auf der Straße und in Oberschöneweide gibt es wirklich noch dieses Bedürfnis, dass Theater stattfinden muss. Das Dezentrale, das Berlin auszeichnet, mag ich sehr. In Schöneweide gibt es viele Künstler, es bildet sich gerade eine neue Struktur, von der wir ein Teil sind. Wir werden noch viel mehr den öffentlichen Raum erobern!

Interview: Ronald Klein

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