Theater

„Glaube Liebe Hoffnung“ an der Volksbühne

Glaube_Liebe_Hoffnung_VolksbuehneZwischen den Leichen, die im Anatomischen Institut seziert werden, und den weltwirtschaftskrisenangsterstarrten, gefühlverhärteten Kleinbürgern, die vor diesem Institut ihr Dasein fristen, sind höchstens graduelle Unterschiede auszumachen. Christoph Marthaler macht in seiner Inszenierung von Ödön von Horvбths Volksstück „Glaube Liebe Hoffnung“ an der Volksbühne ernst mit dem Untertitel: Ein kleiner Totentanz.
Also wohnen die Toten in hinter Vorhang, Glasscheiben und Holzfurnier in einem 50er-Jahre-Backsteinbau von nüchternster Scheußlichkeit (Bühne: Anna Viebrock), eine Totenhaus-Fassade, die auch als bürgerliches Interieur oder Büro funktioniert. Also sind auch Horvбths 30er-Jahre-Kleinbürger hier eher Kleinbürger-Gespenster, Krisen-Zombies, Untote auf Urlaub. Also nüchtert Marthaler seine bewährte, in schwächeren Arbeiten manchmal auch nur routinierte Somnambulslapstick-mit-Musik-Melancholie-Komik auf Trockenste aus. Die Chance, es sich in der weichen Melancholie mit Gesang seufzend gemütlich zu machen, besteht an diesem Abend nicht. Dafür nimmt Marthaler die Trostlosigkeit, von der Horvбth erzählt, zu ernst. Vielleicht deshalb haben die Wiener Premiere dieser Wien-Berlin-Zürich-Paris-Luxemburg-­Koproduktion bei den Wiener Festwochen viele amüsierwillige Kritiker so schlecht gelaunt verrissen.

Erste Irritation: Marthaler verdoppelt Elisabeth, die keine Arbeit, aber Hunger, keinen Reisegewerbeschein und keine Chance, aber ein empfindliches Gemüt hat. Kein Wunder, dass sie nach einer verunglückten Liebe zu einem Dumpfmeier von Mann, nach strampelnden Versuchen, irgendwie einen Job zu finden, nach trotzigem, aber natürlich erfolglosen Mühen, so etwas wie Würde zu behalten, am Ende den Tod durch Ertrinken im nächstgelegenen Fluss dem Weiterleben vorzieht. Wenn Marthaler diese Elisabeth verdoppelt, ist klar, dass wir kein Einzelschicksal, nicht mal eine psychologisch abgründige Krisentragödie, sondern bloß graue Prekariats-Normalität sehen. Dazu passt denn auch die zurückgenommene, sozusagen ent­individualisierte Spielweise der beiden Elisa­beths Olivia Grigolli und Sasha Rau. Marthaler nutzt diese Verdoppelung entschieden nicht für naheliegende komödiantische Effekte, sondern exakt für das Gegenteil. Er lässt die Elisabeth-Szenen ungerührt wiederholen und zerdehnt sie in den Wiederholungsschleifen so stoisch, bis garantiert jede Handlungsspannung, sämtliches Einfühlungssentiment und jegliche Hoffnung, das Amüsierbedürfnis könnte vielleicht doch noch bedient werden, zerbröselt sind.

Man könnte von kunstvoll hergestellter Langeweile sprechen, stellenweise untermalt vom sanft sedierenden Pianogesäusel Clemens Sienknechts. Was einerseits beim Zusehen auf Dauer dann doch etwas anstrengend, andererseits aber erstens auch ziemlich großartig und zweitens dem Stück und Horvбth überhaupt angemessen ist. Was Horvбth im Leerlauf der sentimental-brutalen Phrasen (denen die klischierten Gefühle und Gefühlslügen folgen) mit der Sprache vorführt, variiert Marthaler mit der Elisabeth-­Verdoppelung szenisch, nämlich die Beobachtung, dass die Menschen in Horvбths Kleinbürger-Biotop, grade wenn sie ganz bei sich zu sein glauben, den vorgestanzten Denk-, Gefühls- und Lebensmustern nicht entkommen. Wobei die Pointe hier darin besteht, dass ausgerechnet die einzige zur unschuldigen Empfindung fähige Figur, eben Elisabeth, verdoppelt wird, während von den anderen Kleinbürger-Lemuren eine Ausgabe mehr als genug ist.

Komik ziehen die tollen Marthaler-Schauspieler natürlich trotzdem noch aus all dem Elend, nur ist es keine überschäumende Dada-Slapstick-Komik, sondern trockenste Depressions-Komik im Buster-Keaton-Stil, den besonders Ueli Jäggi unbewegten Gesichts als gefühlsverkrüppelter Polizist Alfons Klostermeyer aufs Trostloseste, also Schönste beherrscht – ein Eiszapfen, selbst noch als er mit Elisabeth ein Tänzchen wagt. Die Komik der gemütlich-robusten Brutalität ist nicht nur an diesem Abend das Terrain Josef Ostendorfs, ein Mann, der mit seinen munter wabbelnden Körper­massen als Amtsgerichtsrat freudig jede zartere Regung, vor allem die seiner weniger robust gepanzerten Mitmenschen, niederwalzt. Der Tanz mit seiner Gattin (die große, nicht genug zu verehrende Irm Hermann) etwa geht vom gemütlichen Wippen routiniert ins gierig verschwitzte Grapschen über. Für die Matronen-Komik der lebensfrohen Wuchtbrumme ist Bettina Stucky als Geschäftsfrau Irene Prantl zuständig, die nicht in Gefahr gerät, ihren Egoismus ans Mitgefühl zu verraten. Wie es aussieht, wird die Volksbühne gerade wieder mal unser Berliner Lieblingstheater.                      

Text: Peter Laudenbach
Foto: Walter Mair
tip-Bewertung: Sehenswert

Termine: Glaube Liebe Hoffnung in der Volksbühne, Karten-Tel. 24 06 57 77

 

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