Theater

„Maß für Maß“ in der Schaubühne

MassFuerMassEigentlich hat man sich den Karrieristen Angelo steifer vorgestellt, ein Puritaner, in dessen Adern „Eiswasser“ zu fließen scheint, wie, zumindest in der romantischen Baudissin-Übersetzung, einmal jemand über ihn sagt. In Thomas Ostermeiers Inszenierung in Marius von Mayenburgs unverschnörkelter Textfassung, die jetzt nach der Premiere bei den Salzburger Festspielen an der Schaubühne zu sehen ist, macht Lars Eidinger aus Angelo einen halb charmanten, halb verkniffenen Windhund, der, Hände in den Anzugtaschen, locker und mit kokettem Grinsen vor seinem Herzog Vincentio steht. Nachdem ihm dieser erklärt hat, er müsse auf Reisen, so lange solle ihn Angelo vertreten, hält er, als wäre es ein Spielzeug oder ein Fußball, die Krone in den Händen und betrachtet sie respektlos, schwer von der neuen Würde geschmeichelt. Von Anfang an zeigt Eidinger seinen Angelo als unreifes Bürschchen, ein narzisstischer Bubi, dessen eisern-puritanische Lustfeindlichkeit und starre Radikal-Moral kaum von seiner spätpubertären Eitelkeit zu trennen sind. Unnötig zu sagen, dass er fleischlichen Genüssen offenbar vor allem mangels Gelegenheit und Erfahrung auf diesem Gebiet so energisch abgetan ist.

Für Angelos Moral-Rigorismus findet Ostermeier ein so plattes wie wirkungsvolles Bild: Eidinger spritzt, angetan mit weißen Handschuhen, mit einem Gartenschlauch die fröhlichen Musiker, die verliebte Jugend vom Platz, ein Mann räumt auf. Ausgiebig terrorisiert er den inhaftierten Claudio mit der Wasserfolter, mit sadistischem Genuss quält er diesen Romantiker im Jesus-Look (Bernardo Aris Porras), dessen ganzes Verbrechen darin besteht, seiner Geliebten vor der Hochzeit ein Kind gemacht zu haben. Angelo, der Mann am Gartenschlauch, benutzt diesen Puritaner-Wasserwerfer, weshalb subtil, wenn es auch brachial-symbolisch geht, natürlich ausgiebig als Phallus-Ersatz. Nun ja. Ähnlich überdeutlich ist der Kronleuchter, von dem eine halbe Schweinehälfte hängt, schließlich ist sich Angelo, der Stellvertreter in der Macht, für keine Schweinerei zu schade, nachdem er Claudios Schwester, die christlich-tugendhafte Jungfrau Isabella (arg niedlich: Jenny König) kennen- und begehren gelernt hat.

MassFuerMassTrotz solch krachender Symbolik entwickelt Ostermeiers Inszenierung einen beträchtlichen Sog und eine schöne, klare Direktheit der Erzählung. Hinter den groben Oberflächeneffekten betreiben Ostermeier und Eidinger eine Analyse von Macht und Machtmissbrauch. Eidinger zeigt die Charakterstudie eines kindlichen Ersatzkaisers, der weder die eigene Gier kontrollieren noch der Verantwortung der Macht gerecht werden kann. Weil bei Shakespeare immer mitschwingt, dass die Machtkämpfe und Verstellungen, die angemaßte falsche Würde und die echten Würdelosigkeiten ein großes Theater des sozialen Mit- und Gegeneinanders sind, betont Ostermeier die Theaterhaftigkeit aller Vorgänge. Jan Pappelbaum hat ihm dafür eine schöne Bühne gebaut: das Innere eines golden ausgeschlagenen Quaders, an dessen Innenseiten sich ein halbhohes schmales Podest wie eine Bank schmiegt. Wer hier drinnen ist, kann dem gefährlichen Angelo höchstens in eine der Ecken ausweichen, aber nicht entrinnen. Das kann nur einer, Angelos Kon­trastfigur, der milde, müde, menschenfreundliche Herzog Vincentio, den der große Gert Voss als altersweisen Melancholiker spielt.

Je aufgekratzter und verschwitzter Angelo um sich und sein etwas armselig hormongesteuertes, machtmissbrauchsvergiftetes Schmachten kreist, desto gelassener ruht Vincentio in sich selbst, ein souveräner Souverän, der auf den unreifen Triebtäter Angelo spöttische Blicke wirft und dabei voll Genuss die eigene Überlegenheit aus menschlicher Reife auskostet, wie nur Voss Spott, nicht ungefährliche Ironie, Intelligenz und Selbstgenuss zu einem einzigen, breiten Lächeln verschmelzen kann. Alleine dieses tolle Voss-Lächeln zu sehen, ist eine Freude, genau wie die ganze erstaunlich kluge, kraftvolle, klare, bitter-komische Inszenierung.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Maß für Maß Schaubühne, 12. – 15.10., 20.30 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

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