Theater

Massidi Adiatou über „La Rue Princesse“

RuePrincessMassidi Adiatou lebt in Frankreich und in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste. Bis vor drei Monaten, bis der abgewählte Präsident Laurent Gbagbo endlich die Macht an Alassane Quattara übergab, herrschte Bürgerkrieg im Land. Eine Million Menschen wurde aus den Dörfern und Städten vertrieben. In Adiatous neuem Stück „La Rue Princesse“ geht es um die legendäre Vergnügungsmeile der Elfenbeinküste. Jetzt zeigt er es in Berlin.

tip: Herr Adiatou, warum machen Sie ein Stück über die Rue Princesse?

Massidi Adiatou:?Die Rue Princesse ist ein Mikrokosmos, in dem alles zu finden ist, was die Elfenbeinküste ausmacht. Tagsüber ist die Rue Princesse eine ganz normale Straße, es ist nicht besonders viel los. Abends werden die Lichterketten rausgeholt, und die ganze Straße verwandelt sich in ein Fest. In den Bars und Clubs werden neue urbane Tänze erfunden, verrückte Sachen wie den Guantбnamo- oder den Vogelgrippentanz. Es gibt hier eine ungeheure kreative Wucht. Wir erzählen die Geschichten von Menschen auf dieser Straße. Wir haben uns einfach hingestellt und auf der Straße und den Lokalen die Menschen beobachtet, und ein paar haben wir uns ausgesucht und begleitet. Einen 13-jährigen Jungen zum Beispiel, der nachts auf Autos aufpasst. Wenn die Leute zurückkommen, wissen sie, ihr Wagen wird da sein, er wird nicht verschmiert sein, und die Fensterscheiben sind nicht kaputt, und er bekommt dafür ein Trinkgeld. Es gibt Frauen, die nachts tanzen und tagsüber einen normalen Job haben. Mit dem Tanzen in der Nacht verdienen sie nicht nur zusätzliches Geld, sie können dort kreativ sein.

tip: Was fasziniert Sie selbst an diesen Tänzen?

Massidi Adiatou: Sie reagieren auf die Situation, in der die Menschen leben. Sie schütteln tanzend das Trauma aus ihren Körpern. Das Tanzen ist eine Möglichkeit, schreckliche Dinge wie den gerade zu Ende gegangenen Krieg zu verarbeiten. Die Menschen kommen in die Rue Princesse und machen Tänze darüber. Wir transformieren diese Tänze in unseren Choreografien in etwas anderes. Aber wir machen mit unserer Gruppe das Gleiche wie die Besucher der Rue Princesse, wir verwandeln unsere eigenen Traditionen. Was daraus entsteht, hat nichts mit Folklore zu tun, es ist eine eigene, radikale, neue Tanzkunst.

tip: Wie ist die Situation im Land nach dem Ende des Krieges?

Massidi Adiatou: Es ist schön, es ist unglaublich schön und vor allem so ruhig, dass es nicht wahr sein kann. Einige Leute haben Angst, dass es nicht so bleiben wird, dass es eine Täuschung ist. Es gibt Zuversicht, die Atmosphäre ist friedlich, die Menschen reden offen miteinander, sie wollen die Vergangenheit vergessen. Die Medien dürfen arbeiten. Eine Kritik an der Regierung gab es beim alten Präsidenten Laurent Gbagbo nicht, jetzt gibt es das. Noch vorsichtig, aber es beginnt.

tip: Was bedeutet es für Sie selbst, in der Elfenbeinküste zu arbeiten?

Massidi Adiatou: Ich lebe mit meiner Familie vor allem in Frankreich, aber ich bin sehr viel in der Elfenbeinküste. Die Compagnie N’Soleh ist für meine Frau und mich ein Beitrag für den Wiederaufbau des Landes. Es ist die Möglichkeit, an einem künstlerischen Prozess, der gerade in vielen afrikanischen Ländern stattfindet, teilzuhaben. Ich rufe auch andere Künstler, die das Land wegen des Krieges verlassen haben, an und sage: Kommt bitte nach Hause, wir brauchen euch hier.

tip: Wie groß ist Ihre Compagnie N’Soleh?

Massidi Adiatou: Wir werden mit elf Tänzern nach Berlin kommen, aber rund um N’Soleh arbeiten wir mit einem Kreis von etwa 100 Menschen. Dazu gehören auch 40 Jugendliche, die zwischen  neun und 14 Jahre alt sind. Die Jugendgruppe ist uns sehr wichtig, in ihren Händen liegt die Zukunft. Wir entwickeln Projekte, eines unserer größten ist ein Themenpark. So etwas wie Spielplätze für Kinder gibt es in Abidjan nicht. Als öffentlichen Raum gibt es für sie nur die Straße. Meine Frau Jenny und ich haben einen mobilen Themenpark erfunden mit Rutschen und Malen und Tanzen und Singen. Es ist ein Programm, das von Unternehmen für die Kinder ihrer Mitarbeiter gemietet werden kann. Die Nachfrage ist groß. Wir finanzieren damit die Compagnie und leisten gleichzeitig einen Dienst an der Gesellschaft. Auch ein paar unserer Jugendlichen wirken mit und verdienen so etwas Geld. In Europa gibt es wohl eher zu viel von solchen Angeboten für Kinder, aber bei uns existiert so etwas nicht, es ist wichtig, und es ist etwas verblüffend Neues.

tip: Wo erarbeiten Sie Ihre Stücke?

Massidi Adiatou: Wir haben keinen eigenen Raum. Es gibt ein Nationaltheater in Abidjan, aber wir können da nicht arbeiten. Die großen Räume sind zerstört, wie überall sonst in der Stadt auch. Es waren Aufenthaltsräume für die Soldaten und Rebellen. Wir haben im letzten Monat keinen Raum gefunden, der groß genug war, also haben wir in einem Wohnzimmer geprobt. Es wird wieder besser werden, aber zurzeit sind die Verhältnisse hier so.

Interview: Michaela Schlagenwerth

La Rue Princesse Podewil, Sa 13.8., 21 Uhr, So 14., Mo 15.8., 20 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27, 24 74 98 80

Übersicht: „Tanz im August 2011“  

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