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„Matsukaze“ von Sasha Waltz beim „Infektion!“-Festival

Matsukaze

Sasha Waltz sitzt in ihrem Büro in der Sophienstraße und trinkt grünen Tee. „Ich habe mich lange zu sehr von Pflicht- und Verantwortungsgefühlen treiben lassen. Mir keine Pausen gegönnt, meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrgenommen. Aber das ist jetzt durch“, sagt die Choreografin. Drei Jahre ist es her, dass die Choreografin mit einem Burn-out zusammenbrach, für eine kurze Zeit war ihre linke Körperhälfte gelähmt, für ein halbes Jahr zog sie sich ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Seitdem hat sich einiges geändert. Sasha Waltz ist noch einmal berühmter geworden. In Frankreich hat man ihr den wichtigsten Kulturorden des Landes „Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres“ verliehen. Im März folgte das deutsche Bundesverdienstkreuz. Und die Angestrengtheit, mit der die Choreografin früher trotz aller Erfolge meinte, sich behaupten zu müssen, ist verflogen.
Sasha Waltz ist angekommen, ganz oben. Als Opernregisseurin hat sie sich international einen Namen gemacht. Damals, vor dem Zusammenbruch, war sie noch die Choreografin, die sich im entschieden schwergewichtigeren Operngeschäft behaupten musste. Inzwischen ist sie in der Oper so etabliert wie im Tanz. Die Weise, wie sie Tanz und Gesang in ihren Inszenierungen zusammenbringt, den Tanz als eigene, gleichberechtigte Erzählebene etabliert, die Sänger zum Tanzen verführt und dabei das musikalische Erleben verdichtet und verstärkt, begeistert ihr Publikum. Die großen Opernhäuser der Welt bemühen sich um sie. Und Sasha Waltz arbeitet mit den Künstlern, für die sie sich ernsthaft interessiert. Wie mit Toshio Hosokawa, dem bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten Japans, dessen Oper „Matsukaze“ sie in Brüssel uraufgeführt hat. Jetzt wird sie im Rahmen des neu gegründeten Festivals für Neues Musiktheater Infektion! der Staatsoper im Schiller-Theater zu sehen sein.
Matsukaze„Ich arbeite am liebsten mit zeitgenössischer Musik, weil sie am intensivsten auf die Zeit reagiert, in der wir leben“, sagt Sasha Waltz. Bei Musik, die noch gar nicht geschrieben ist, steht sie in einem anderen Austausch mit dem Komponisten, ist selbst am Entstehungsprozess beteiligt. Wie eben bei Toshio Hosokawa, der sie gefragt hatte, ob sie seine neue, noch gar nicht komponierte Oper inszenieren würde. Mit ihm hat Sasha Waltz Japan bereist, Tempel besucht, mit Philosophieprofessoren und Ikebana-Künstlern gesprochen und war am Meer, wo Hosokawa das Meeresrauschen aufgenommen hat, das in seiner Oper eine große Rolle spielt. Nicht, dass „Matsukaze“ in der Gegenwart spielen würde. Toshio Hosokawa verbindet in seinen Kompositionen traditionelle japanische Musik mit der europäischen. Wie schon seine beiden vorherigen Opern geht auch „Matsukaze“ auf einen klassischen Noh-Theater-Stoff zurück. Zwei Schwestern, Matsukaze und Murasame, was übersetzt so viel wie „Wind in den Kiefern“ und „Herbstregen“ heißt, lieben den gleichen Mann. Als dieser überraschend stirbt, verzehren sich die Schwestern vor unerfüllter Liebe und werden zu Geistern, die über Jahrhunderte in einem Schattenreich zwischen Leben und Tod gefangen bleiben. Bis ein Mönch sie von ihrer Anhaftung an die zum Wahn gewordene Liebe erlöst, sie in die Natur eingehen, zu Wind und Regen werden können. Was Hosokawa und Waltz aus diesem Stoff machen, ist reine Poesie und pure Gegenwart. Zu Beginn lässt Toshio Hosokawa leise die Wellen murmeln, der Chor summt, die japanischen Windglocken läuten und die Tänzer von Sasha Waltz kommen wie aus dem Nichts, sind Erscheinung für einen Moment und entschwinden wieder. Toshio Hosokawas Musik komme aus der Stille, sie sei eigentlich eine musikalische Kalligrafie, sagt Sasha Waltz. Wie eine Linie, ein Ton, der sich bewegt und dann endet. Ebenso ist sie in ihrer Choreografie verfahren, die stark vom Noh-Theater und von der Kalligrafie inspiriert ist.
MatsukazeFür sie selbst, sagt Sasha Waltz, sei „Matsukaze“ die bislang stimmigste Oper, in der ihr die Einheit zwischen Musik, Tanz, Gesang besser gelungen sei als in allen früheren Arbeiten. „Mit dem Gesang“, sagt sie, „öffnet sich noch ein anderes Organ, es kommt zum Tanz dadurch etwas ganz anderes hinzu. Der Mund öffnet sich und ein körperlicher Klang entsteht, das liebe ich. Wenn beides, Tanz und Gesang, zusammenkommen, das hat für mich etwas Vollkommenes.“ In den besten Momenten von „Matsukaze“ wird dabei Hosokawas Musik selbst körperlich, wird regelrecht visualisiert.  
„Matsukaze“ wird das Infektion!-Festival beschließen. Daneben stehen zwei weitere  große Operninszenierungen auf dem Festivalprogramm: Peter Eötvös’ „Tri Sestri“ in der Regie von Rosamund Gilmore und die Wiederaufnahme von Hans Werner Henzes „Phaedra“ in der spektakulären Rauminstallation von Olafur Eliasson.
Hans Werner Henzes „Phaedra“ wurde 2007, im Jahr der Uraufführung, zur „Oper des Jahres“ gewählt. Henzes als großes Alterswerk gefeierte, 14. Oper über die Geschichte einer unerwiderten Liebe, in der Phaedra, die Frau des Theseus sich in ihren Stiefsohn Hippolyt verliebt, ist ebenfalls mehr Zustand als Handlung. Mit dem neuen Festival arbeitet Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm unübersehbar weiter an seinem Projekt, sein Haus inhaltlich zu modernisieren und es stärker als unter seinen Vorgängern für die Musik der Gegenwart zu öffnen. Die größte und reichste Oper Berlin wird offenbar auch zur entdeckungsfreudigsten und ästhetisch mutigsten Musiktheaterbühne der Stadt.

Text: Michaela Schlagenwerth

Matsukaze, Staatsoper im Schiller-Theater, Fr 15., Sa 16.7., 19.30, So 17.7., 19 Uhr

Infektion! Festival für Neues Musiktheater, Staatsoper im Schiller-Theater, Fr 1. bis So 17.7., Karten-Tel. 20 35 45 55

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