Theater

Matthias Matschke in der Bar jeder Vernunft

MatschkeWahrscheinlich kann sich kein Schauspieler so kunstvoll verbiegen und dabei unbezweifelbar er selbst bleiben wie Matthias Matschke. Unvergessen die großartigen Vertrottelungs- und Verklemmungschoreografien, mit denen er in der großen Zeit der Volksbühne legendäre Castorf- und Marthaler-Abende beseelte! Seit Matschke bei einem Filmdreh, „der gar nicht mal so erfolgreich war“ (Matschke), Anke Engelke kennenlernte, wirft er auch den Kollegen im Privatfernsehen die Pointen zu. Er ist Ensemblemitglied bei der Sketch-Sendung „Ladykracher“ und hält Bastian Pastewka in dessen gleichnamiger Comedy-Serie als kleiner Bruder auf Trab.

Jetzt will sich Matschke mit seinem ersten Soloprogramm im klassischen Stand-up-Format in der Bar jeder Vernunft einen komplett untypischen Zeitgenossen vorknöpfen: „Einen Berliner, der nicht in Prenzlauer Berg wohnt – und trotzdem 42 Jahre alt ist und Familie hat.“ Diese Randgruppe könne schließlich „gar nicht genug beleuchtet werden“, erklärt Matschke mit gespieltem Ernst: „Es gibt sogar im Westteil der Stadt ein paar Familien – was den Altersdurchschnitt von Berlin-Charlottenburg natürlich derb nach unten drückt.“ Der verheißungsvolle Abend trägt den familiengerechten Titel „Schneller – höher – steifer“ – und ist erklärtermaßen 90-prozentig autobiografisch. Denn letzten Endes, so der aus Marburg stammende Schauspieler, „bin ich natürlich selbst das Problem, das ich auf der Bühne behandle.“

Der Problemfall Matschke findet vor seiner Charlottenburger Haustür realsatirische Situationen, „die man höchstens noch um einen Satz erweitern muss“. Dann passen sie bereits perfekt ins Programm. Matschkes Lieblingsinspirationsquellen: Motz-Verkäufer („eine eigene große Welt“), Elternabende im Kindergarten (ein „breiteres Spektrum von ’schneller, höher und steifer'“ sei schlichtweg undenkbar) sowie der öffentliche Nahverkehr: „Sobald man mit der BVG fährt – oder eben gerade nicht, weil die S-Bahn ausfällt – schüttet sich einem das Material von selbst entgegen.“ Ist das Switchen zwischen Sat1, Comedy und Theater eigentlich ein Problem für einen Schauspieler, der noch während des Studiums fest an die Volksbühne engagiert wurde und seither ausnahmslos mit A-Klasse-Theaterregisseuren arbeitet? Als er 2003 sein „Ladykracher“-Debüt gab, erinnert sich Matschke, war es tatsächlich „nicht so schick, in solchen Sachen aufzutreten. Da waren die Welten wirklich getrennt.“

Ihm selbst habe diese Gewaltenteilung nie eingeleuchtet. „Ich habe Stand-up in Amerika gesehen und war davon absolut fasziniert“, schwärmt der Schauspieler, der sich übrigens nie als „Comedian“ bezeichnen würde, sondern dezidiert „Komiker“ sein möchte. Für Matschke ist Stand-up nichts anderes als „die logische Fortsetzung des Theaters mit anderen Mitteln“. Zum Beispiel, denkt er laut nach, die Produktion „Dritte Generation“ an der Schaubühne. Dort bittet die israelische Regisseurin Yael Ronen drei israelische und drei palästinensische Schauspieler, die mit israelischem Pass in Tel Aviv oder Haifa leben, zusammen mit vier Deutschen zu einer Gruppentherapie, in der man sich mit tiefschwarzem Humor gegenseitig seine Ressentiments um die Ohren hauen darf. Matschke gibt den akademischen Chauvinisten, der in herrlich klemmiger Angriffspose die populistische „Schlussstrich-Mentalität“ verkörpert. Das Ensemble hat den Abend in Workshops selbst entwickelt, allerdings ohne Matschke, der erst später für einen Kollegen einsprang.

„Diese Art, sich selbst so ins Spiel zu bringen, ist für mich gerade state of the art“, sagt der 42-Jährige. „Was die sich da trauen, ohne den Respekt voreinander zu verlieren, ist etwas ganz Besonderes.“ Im klassischen Theater könne man die Schuld immer noch dem Regisseur zuschieben oder stöhnen: „Das Stück ist aber auch scheiße!“ Bei Stand-up – oder eben auch bei „Dritte Generation“ – gelte das alles nichts: „Da gilt man nur selbst.“  Mit allen positiven wie negativen Konsequenzen.

Gäbe es für den geborenen Alleinunterhalter Matthias Matschke eigentlich eine berufliche Alternative? „Es hätte auch passieren können, dass ich heute Religionslehrer bin“, sagt der Schauspieler ohne jedes Ironie-Signal und setzt gleich noch eins drauf: „Das wäre auch völlig okay gewesen.“ Tatsächlich studierte Matschke, bevor er zum Schauspielstudium an die Hochschule der Künste ging, sechs Semester Deutsch und Religion auf Lehramt. „Und davon habe ich mich auch nicht abgewendet, weil ich das nicht mehr wollte, sondern weil ich dachte: Ich muss da noch was anderes überprüfen.“ Mindestens zwei Fans hat Matschke seither übrigens todsicher: seine Eltern. „Die sind inzwischen hartgesotten. Die haben fünf Jahre Festengagement an der Volksbühne ausgehalten und dabei keine einzige Premiere verpasst!“

Text: Christine Wahl

Foto: Joerg Lipskoch

Matthias Matschke: Schneller – Höher – Steifer Bar jeder Vernunft, Mo 7., Mo 14., Mo 21.,
Mo 28.3., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren