Oper

„Medea“ an der Komischen Oper

Menschen, um die es eng wird: Mit „Medea“ beginnt das Krönungsjahr des Berliner Komponisten Aribert Reimann

Foto: Jan Windszus Photography

Unlängst in der Staatsoper. Es gibt ­Puccini. Der Komponist Aribert Reimann hat zufällig den Nebenplatz eingenommen. „Herr Reimann“, frage ich, da wir uns flüchtig kennen, „ich hätte nicht gedacht, dass Sie für Puccini was übrig haben?!“ Darauf er: „Oh doch!“ Er verhehle nicht die Hochachtung für einen Kollegen, der sehr gut komponiert habe. Er schätze und bewundere ihn. „Besonders: Tosca!“
Ausgerechnet. Der reißerischste Kracher unter der Abonnenten-Sonne, das kolportagehafteste Werk überhaupt findet Aribert ­Reimann gut?! Tja. Auch moderne Komponisten haben für Theatralik, für Erfolg und Publikumswirksamkeit Sinn und Respekt. Aribert Reimann, der mit „Lear“ (1978) eines der wenigen repertoirefähigen Werke der Nachkriegszeit schuf, gilt als Opernklassiker schlechthin. Wie er damals dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau mund- und stimmengerecht in die Kehle komponierte, so tat er es auch 2010 bei „Medea“. Die Premiere (mit Marlis Petersen) war einer der größten Uraufführungserfolge der Wiener Staatsoper (deren Geschichte allerdings nicht ganz so reich an Uraufführungen ist wie man denkt).

Jetzt knüpft endlich die Komische Oper an die Erfolgsserie von Reimann-Produktionen in Berlin an („Schloss“, „Bernarda Alba“ etc.). Mit „Medea“ wollte Reimann tatsächlich ein weibliches Pendant zum damaligen „Lear“-Triumph kreieren. Von zahlreichen Vorlagen sagte ihm diejenige Grillparzers am meisten zu. Dort wird die kolchische Immigrantin beinahe als Aussätzige thematisiert. Um anschließend das geraubte Goldene Vlies zurück in den Tempel von Delphi zu bringen. „Getroffen“, so Reimann, „hat mich die Tatsache, dass diese Medea positiv endet.”

Mit Benedict Andrews erhält der Regisseur von Prokofieffs „Feurigem Engel“ (vor vier Jahren) eine zweite Chance. Als Medea steigt Nicole Chevalier (zuletzt „Belle Hélène“) in den Ring. Das Reimann-Jahr geht danach weiter. Im Juni folgt eine Wiederaufführung der legendären „Gespenstersonate“ (Werkstatt des Schiller-Theaters, ab 25.6.). Für Oktober hat der 81-Jährige mit „L’invisible“ die Uraufführung seiner zehnten Oper angekündigt (Deutsche Oper, ab 8.10.).

Das wird dann wohl die inoffizielle Krönung eines in der Tat großartigen Komponisten zur Folge haben. Er lebt nicht nur in Berlin (am Roseneck), sondern trägt die Schmerzens­töne in seinen Stücken fast wie psychologische Wundmale mit sich herum. Auf die Frage, warum viele Figuren in seinen Opern so schreien, antwortet er: „Ich habe 1945 doch diesen furchtbaren Angriff auf Potsdam miterlebt. Wir saßen im Keller”, so Reimann, „und hörten in diesem Lärm immer ein schreiendes Kind. Auch wir schrien“. Das Einzige, was ihn heute in der Kunst interessiere, seien Menschen, um die es eng wird.
Ungeachtet seines epochalen Erfolgs glaubt Reimann, dass man noch viel mehr Erfolg haben könnte. „Das Fernsehen ist die Institution, die alles kaputtmacht“, so Reimann. „Sie können jedes Publikum manipulieren. Und das Fernsehen hat’s geschafft, das Publikum genau in die falsche Richtung zu manipulieren.“

Komische Oper Karten 12–92 €

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