Theater

Medea in den Städten im Theater unterm Dach

medeaIn Stuttgart warf eine Mutter ihre vierjährige Tochter von einer Brücke in den Neckar, in Köln fanden Müllmänner ein totes Neugeborenes in einer Altpapiertonne. „Es waren solche Meldungen, die mich zu dem Thema gebracht haben“, sagt Gusner. Nicht heute, sondern schon vor drei Jahren. „Damals gab es eine richtige Welle mit Fällen von misshandelten und getöteten Kindern“, sagt sie. Doch im Grunde gibt es sie immer, diese Fälle, wo Mütter ihre Kinder töten. Sie heißen dann Susanne F. aus Plauen, die drei ihrer fünf Kinder getötet hatte, oder Sabine H. aus Frankfurt/Oder, die ihre neun Säuglinge im Blumenkas­ten beerdigte.

„Wie kann eine Mutter so etwas tun?“, fragen Medien dann gerne ratlos. Gusner ging es ganz ähnlich: „Ich habe mich gefragt, wer sind diese Frauen. Wie kommt es dazu, und wie leben sie damit?“ Die Regisseurin fing an zu recherchieren. Sie hat Interviews mit verurteilten Müttern, Vernehmungsprotokolle gelesen und Dokumentarfilme gesehen. Aus Originalzitaten, Bruchstü­cken verschiedener „Medea“-Bearbeitungen und eigenen Texten hat sie eine zeitgenössische Version des Stoffes montiert. In ihrer Inszenierung „Medea in den Städten“ arbeiten sich im Theater unterm Dach die junge Schauspielerin Eva Verena Müller als Medea und Richard Barenberg als Jason an un­terschiedlichen Paarkonstellationen ab: mal Unterschichtenpärchen, das das Kind alleine lässt, um saufen zu gehen, mal das an den eigenen Ansprüchen scheiternde Mittelklasseduo.

medea „Wie entsteht die Überforderung, die dem Mord vorausgeht“, sagt die Regisseurin über ihre Motivation. „Wo geht die Liebe hin?“ Einen Tag nach der Premiere des Stücks im Theater unterm Dach ist die Regisseurin froh, dass die Proben vorbei sind. „Das Thema geht jedem nahe“, sagt sie. „Ich war selbst eine junge Mutter und kann gut nachvollziehen, dass es Frauen gibt, die dieses ständige Geben, Geben, Geben nicht aushalten.“ Eine Antwort, warum Mütter morden, hat sie nicht gefunden. Aber eine Erkenntnis: „Dass die zivilisatorische Decke sehr dünn ist, die uns Menschen von so etwas Schreck­lichem trennt. Und dass man viel Wert darauf legen sollte, liebevoll miteinander umzugehen. Auch wenn sich das schrecklich kitschig anhört.“

Text: Björn Trautwein

Foto: Johannes Zacher

tip-Bewertung: Annehmbar

Medea in den Städten Theater unterm Dach, Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg, 8.-11.1., 20 Uhr, Tel. 902 95 38 17

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