Literaturadaption

„Medea. Stimmen“ am Deutschen Theater

Hate Speech und Achronie: Tilmann Köhler zieht in seiner Inszenierung von Christa Wolfs Nachwende-Roman „Medea. Stimmen“ eine Linie von der Antike bis in die Gegenwart, von den Argonauten zu Pegida

Foto: Arno Declair

Die 90er-Jahre scheinen manchmal wie eine Uraltvergangenheit, längst verschüttet und kaum noch glaubhaft: Für die Handys brauchte man einen Helfer, der den schweren Akku trug, es hatte sowieso kaum jemand eins, das Internet war eine Sache für Freaks. Vom ­Heute aus gesehen sind die 90er also fast so fern wie die mythische Zeit der Argonauten. In beide Zeiten, und dazu noch in unsere, will der Regisseur Tilmann Köhler uns jetzt im Deutschen Theater führen.

Köhler hat sich Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ aus der Nachwendezeit der 90er-Jahre vorgenommen. Der spielte schon mit dem Mythos der Abenteurer, die auf der ­Suche nach dem Goldenen Vlies in See stachen und manche Landstriche verwüsteten. Wolf, Grande Dame der nicht so ganz angepassten DDR-Literatur, hatte in die Eroberer-Geschichte seinerzeit noch deutsch-deutsche Motive hineingestrickt. Um Wendeverlierer und Wendegewinner ging es. Aber auch die brennenden Flüchtlingswohnheime in ­Rostock und Hoyerswerda hinterließen Spuren im Text.

Für Tilmann Köhler, der die letzten Jahre in der Pegida-Hochburg Dresden lebte und inszenierte, waren das also schrecklich vertraute Grüße aus der nahen Vergangenheit. „Die Stadt Dresden hätte gut auf Pegida verzichten können“, fasst er im Rückblick seine Erfahrungen zusammen. „Man lernt dabei aber auch zu kämpfen. Und man beginnt sich damit auseinanderzusetzen, wie offen man noch erzählen kann, ob man eindeutiger werden – und sich damit selbst beschneiden muss“, meint der einstige Absolvent der Ernst-Busch-Schauspielschule bei seiner Rückkehr nach Berlin.

In den Kammerspielen des DT will er jetzt die Argonauten aus einem Wasserbecken auftauchen lassen (Bühne: Karoly Risz). Das verspricht starke Bilder. Und auch die Zeiten mischen sich da. Darin will er Wolf folgen, die das Thema der „Achronie“ vor die Behandlung des Mythos setzte. „Das bedeutet, die Zeiten können, obwohl sich Jahrhunderte dazwischen befinden, einfach nebeneinander stehen. Und das heißt, auch alle zwischenmenschlichen Fragen sind einander sehr nah“, sagt Köhler. Nun ja, das Vermischen von Zeiten ist die Stärke des Theaters schlechthin. Altes wird zeitgenössisch, Modernes bekommt Patina. Heutig wird damit auch etwas, das schon Wolf aus den Tiefen der Vergangenheit hervorholte: Die Praxis von Sündenbock und Menschenopfer. In der antiken Vorlage betrifft das Medea und ihre getöteten Kinder, aber auch eine Kinderleiche im Keller der Korinther sowie Medeas Bruder Absyrtos, der von dessen Vater beseitigt wurde. Die Stimmen der toten Kinder werden durch die Puppenspielerin Johanna Kolberg hörbar gemacht. Ein ambitioniertes Vorhaben, das Köhler mit Maren Eggert als Medea und Edgar Eckert als Jason angeht.

DT-Kammerspiele Schumannstr. 13a, Mitte. Do 5.4., 20 Uhr (Premiere), Di 10.4., 19.30 Uhr, Fr 20.4. + Fr 27.4., 20 Uhr, Eintritt 23 – 30, erm. 9 €

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