Theater

Meg Stuart mit zwei Stücken im HAU

MegStuartSo sieht der Hauptgewinn für einen Bühnenkünstler aus: Er kriegt einen Monat lang ein Theater freigeräumt, kann eine Handvoll Kollegen versammeln und ohne Zielvorgabe mit ihnen proben. Einen solchen Treffer hat die US-Choreografin Meg Stuart gelandet, der HAU-Intendantin Annemie Vanackere das HAU 3 exklusiv zur Verfügung stellt. In der kleinen Black Box unterm Dach wird die Choreografin „Sketches/Notebook“ erarbeiten, eine Art Kammerspiel. Der XXL-Vorgänger dieser Miniproduktion – Stuarts monumentales, 2012 an den Münchener Kammerspielen entstandenes „Built to Last“ – ist kurz vor der Skizzen-Etüde im HAU-Haupthaus als Gastspiel zu sehen.
Der Spagat zwischen Stadttheater-Großproduktion und Experimentierfeld im HAU 3 ist sichtlich nach dem Geschmack der zierlichen Amerikanerin, die seit Jahren zwischen Brüssel, dem Sitz ihres „Damaged Goods“-Labels, Berlin und jeder Menge Tournee-Orten im Vieleck springt.

Meg Stuarts nicht ganz unkomplizierte Kunst wird inzwischen  sogar mit offiziöser Anerkennung belohnt. Gerade erst hat sie den Konrad-Wolf-Preis der Berliner Akademie der Künste bekommen – ein Karriere-Meilenstein, zumindest aus Sicht ihres zehnjährigen Sohns, wie sie im Gespräch erzählt: „Seitdem kommt er ins Studio und will Tänzer werden. Was seine Mutter als Künstlerin betrifft, war das für ihn eine wahrhaft vertrauensbildende Maßnahme!“

Bei ihrer Dankesrede hat sich die Geehrte deutlich positioniert. Sie sei, bekannte Stuart, eine Choreografin, „die manchmal schwierige Arbeiten macht“ – weshalb sie im gleichen Atemzug sämtliche Aufführungsflüchtlinge der letzten zwanzig Jahre generös exkulpierte. In der Tat haben seit ihrem Europa-Debüt „Disfigure Study“, das 1991 beim belgischen Klapstuk-Festival von sich reden machte, vermutlich ganze Heerscharen von Zuschauern ihre Performances vorzeitig verlassen. Umgekehrt gibt es jedoch eine eingeschworene Fangemeinde, die selbst schwächere Werke wie „The Fault Lines“ (2010) bereitwillig in den Himmel hebt. Wer Meg Stuarts Arbeit über die Jahre verfolgt, wird solche Ausreißer immer mal erleben, aber genauso Sternstunden wie zuletzt „Violet“ – eine 2011 lancierte Frontalattacke auf sämtliche Sinnesorgane.

Die HAU-Chefin Annemie Vanackere hat Stuarts Werdegang seit den Anfängen begleitet und ist sicher: „Es gibt niemanden, der die Grenzen so massiv überschreitet und einreißt und dabei eindrucksvollere Skulpturen des Innenlebens in den Raum stellt.“ Nicht zuletzt deshalb hat sie der Improvisations-Spezialistin, die bis 2010 der Volksbühne verbunden war und seitdem künstlerisch quasi obdachlos ist, das HAU 3 als Atelier angeboten.
Builttolast_megstuartIn der winterlichen Klausur soll Stuart mit einer Crew von insgesamt neun Akteuren in aller Ruhe an „Sketches/Notebook“ arbeiten. Anders als „Built to Last“, das den gewaltigen Apparat einer städtischen Bühne im Rücken hat, zwingt die HAU-Mansarde in jeder Hinsicht zu Bescheidenheit. Genau dieser kleindimensionierte Zuschnitt aber verschafft der Choreografin die Möglichkeit, die eigene Phantasie neu zu zünden und nach der Anstrengung der Münchener Megaproduktion wieder auf den Teppich zu kommen: „Mir war immer beides gleich wichtig, die großen wie die kleinen Formate. Der Wechsel verhindert Bequemlichkeit, schließlich gleicht jede Arbeit einer Gratwanderung – was man gerade etabliert hat, wird wieder umgestoßen. Immer ist es ein paradoxer Akt.“

„Sketches/Notebook“ ist ein programmatischer Titel, der zwar das Moment der Eile betont, aber trotzdem unter die Oberfläche will: „Skizzen sind ja einerseits etwas sehr Flüchtiges, rasch Hingeworfenes, doch daneben berühren sie immer das Wesentliche.“ Das neunköpfige Team – fünf Performer, Musiker, Bühnen- und Kostümbildner – wird grafisch mit Licht und Schatten experimentieren, wie es der Natur eines Skizzenblocks entspricht. Zugleich will Stuart einmal mehr „innere Fragen und Konflikte nach außen kehren“ und so dem Leitmotiv ihres Schaffens treu bleiben. Dahinter steckt, wie sie sagt, der Wunsch, das sichtbar zu machen, was die Gegenwart prägt: ein Mangel an Freiheit bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Gemeinschaft. „Dabei“, glaubt sie, „brechen die Dinge auf, wir haben alle unsere Gewissheiten verloren, aber nicht die Courage gefunden, andere Gesellschaftsformen zu erproben.“ Ihr selbst kann niemand den Vorwurf der Mutlosigkeit machen. Meg Stuart geht immer volles Risiko. Sie bleibt ästhetisch unberechenbar

Text: Dorion Weickmann
Foto: Andreas Meichsner, Eva Wuerdinger

Built to Last
HAU 2, Fr 10.–So 12.1., 20 Uhr
Sketches?/?Notebook
HAU 3, Fr 25.–So 27.1., 21 Uhr, Mi 30.+Do 31.1., 20 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 36

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