Theater

Mein Leben als Trüffelschwein

Dass man als Jurorin des Berliner Theatertreffens eine Menge Zeit in verschiedensten Theatern verbringt, versteht sich von selbst. Weniger bekannt ist, dass TT-Juroren neben ihren Diensten als Trüffelschwein zu intimen Kennern des deutschsprachigen Alltags reifen, Einblicke in die Soziologie des Bahnfahrens und Hotelübernachtens gewinnen und jederzeit in den leicht unterschätzten mittleren Städten wie Kassel und Weimar, Bremen und Mannheim, Bochum und Leipzig kundige Stadtführungen veranstalten könnten. Vielleicht wechselt man im nächsten Leben in die Tourismusbranche?

Ganze Hotelführer könnten geschrieben werden. Unbedingt zu empfehlende Unterkünfte sind etwa in der Karnevalsmetropole Köln die Pension Albers, wo nach dem sechsstündigen Besuch von SIGNAs „Erscheinungen der Martha Rubin“ in holzvertäfelten Zimmern mit Riesenspiegeln, als Zirkusdirektoren verkleideten Plüschtigern und Uschi-Obermeier-Plakaten das Theater einfach weitergeht (50 Euro). Der Pensions-Patron säbelt zum Frühstück im privaten Wohnzimmer persönlich die Brötchen auf.

Oder das labyrinthische Hotel Stadt Altona (35 Euro) im Niemandsland zwischen St. Pauli und Ottensen, wo man morgens in Gesellschaft von Fernkraftfahrern den Filterkaffee umrührt. Lange Vorstellungen im Schauspiel Hannover beschließt man in der „Minibar“ des benachbarten Hotels am Thielenplatz (45 Euro) im Kreis von selbstbräuner- behandelten Nachwuchsfriseuren.

Die Weltfremdheit, die das unverhältnismäßige Kulturkonsumieren so mit sich bringt, lässt sich durchs Eintauchen ins Mittelklassedeutschland ein bisschen kompensieren. In den Bord-Bistros und an den Ibis-Rezeptionen stellen sich weniger On-the-Road-Visionen als Vertretergefühle ein, selbst wenn man nichts zu verticken hat als eine Meinung. Irgendwann macht die ganze Reiserei leichtsinnig. Dann schlampt man beim Fahrplanlesen, und der Zug rast, statt bei Pollesch in Hamburg-Altona zu halten, durch bis Neumünster. Seltsam, dass es dort gar kein Theater gibt.


Text: Eva Behrendt

Eva Behrendt ist Mitglied der Auswahl-Jury des Theatertreffens, Redakteurin der Zeitschrift „Theater heute“ und tip-Autorin

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