Theater

Mein Viertel, meine Straße, mein Block

RudiNeumannDirk Cieslak widmet sich mit seinem Großprojekt „Block“ einer architektonischen Brutalität: Dem Neuen Kreuzberger Zentrum. Der recherchefreudige Regisseur, der in dem Betonklotz am Kottbusser Tor vor drei Jahren das Performance-Theorie-Theater Vierte Welt gegründet hat, weiß genau, wovon er spricht. Geplant und entstanden in den 1960er-Jahren „als erstes privat finanziertes Wohnungsbauvorhaben dieser Größenordnung im Goldrausch der Berliner Abschreibungs- und Subventionspolitik“, wie Cieslak sarkastisch betont, sorgte die Wohnmaschine für Debatten, in denen „Bauskandal“ und  „Kriminalitätszentrum“ nicht mal die unfreundlichsten Vokabeln waren. Cieslak rollt die Geschichte in Performances, Führungen, Filmen und Diskussionen unter allen erdenklichen Aspekten auf – mit dem erklärten Ziel, die bloßen Akut-Erregung mit diferenzierten Analysen zu kontern und „so etwas wie ein Kontinuum“ aufzuzeigen. „Die Probleme“, meint Cieslak, „zeigen sich eigentlich unter veränderten technischen und ökonomischen Voraussetzungen nur immer wieder neu.“

Eine Schiene, die er in seiner Performance verfolgen wird, ist „die Abschreibungsgeschichte als eine Art frühe Vorform dessen, was wir heute auf den Finanzmärkten erleben.“ Eine andere Spur führt aus stadtsoziologischer Sicht „von der Zeit der Block-Planung, in der man ja städtebaulich generell massiv tätig wurde in Berlin, bis zur Gegenwart“. So haben Cieslak und Co beispielsweise – „der Skandal ‚Märkisches Viertel‘ fand ja zur selben Zeit statt“ – Gespräche ausgegraben, die die Dokumentarfilmerin Helga Reidemeister in den 1970er-Jahren mit Mietern der Reinickendorfer Satellitenstadt führte. Ein Filmabend erweitert das Thema sogar bis ins 19. Jahrhundert: In einem Interview mit dem DDR-Historiker und Kotti-Biotop-Kenner Kurt Weynicke wird sehr eindrucksvoll darüber berichtet, wie sich das Kottbusser Tor anno 1870 als selbst organisierte Barackensiedlung namens „Baraccia“ einen Namen machte. Lohnend ist Cieslaks spannendes Programm, das offene Gesprächsabende über Wohnungspolitik, Stadtentwicklung, Selbstorganisation und Selbstverwaltung einschließt, nicht nur für Theaterinteressierte. In zwei verschiedenen, von der Performance unabhängigen Touren durchs Haus öffnen sich beispielsweise Türen, die der Öffentlichkeit sonst komplett verschlossen bleiben.

Text: Christine Wahl

Foto: Rudi Neumann

Block – This Home Was Once A House Vierte Welt, 17.–20.10., 24.–27.10. und 1.–2.11., ?genaues Programm unter www.viertewelt.de, ?Karten-Tel. 0157–88 44 09 41 oder [email protected]

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