Theater

Mel Brooks Musical „The Producers“ in Berlin

The ProducersMel Brooks hat der Welt bewiesen, dass jüdischer Humor nicht unbedingt subtil sein muss. Er ist, wenn man so will, der Fips Asmussen des jüdischen Humors: Seine Witze liegen in der untersten Schublade ganz oben. Das Timing und die Schlagkraft seiner Pointen hat er Ende der 50er Jahre als Stand-up-Comedian in den New Yorker Nachtclubs trainiert. Dort, im sogenannten „Borscht Belt“, wird er mit einer Generation von Komikern groß, die auf Publikumsbeschimpfungen spezialisiert sind und deren Gags sich hauptsächlich um eher unlustige Themen wie Prostatakrebs, Rassenhass und radioaktiven Fallout drehen.

Mel_brooksDen Witz mit dem singenden Hitler trägt Brooks schon eine Zeit lang mit sich herum, als er Mitte der 60er Jahre das Drehbuch für seinen ersten Spielfilm schreibt. Im Zweiten Weltkrieg hat er gegen die Deutschen gekämpft, nun nimmt er es noch einmal mit ihrem Führer auf. „The Producers“ erzählt die Geschichte des hoch verschuldeten Broadway-Entrepreneurs Max Bia­lystock und seines schüchternen Buchhalters Leo Bloom. Die beiden wollen das schlechteste Stück aller Zeiten auf die Bühne bringen, um einen todsicheren Flop zu landen und mit dem Geld ihrer Investoren nach Rio abzuhauen. Sie suchen also nach einer „Ohrfeige für alle Völker, Rassen und Religionen“ – und finden das Stück eines geistig verwirrten Altnazis namens Franz Liebkind, der, mit Stahlhelm und Lederhosen bekleidet, auf einem Dach in Greenwich Village Tauben züchtet und dem Publikum zeigen will, dass der Führer ein wunderbarer Tänzer war. Für die Regie wird der komplett unfähige Transvestit Roger De Bris angeheuert. Der schreibt zunächst das Ende des Zweiten Weltkriegs um und inszeniert das Stück dann als haarsträubende Farce mit einer sentimentalen Hitler-Schwuchtel als Hauptfigur – die besten Vo­raussetzungen für ein Debakel. Aber Bialystock und Bloom haben das Publikum falsch eingeschätzt: Der Skandal bleibt aus, die Show wird ein voller Erfolg, die beiden sind ruiniert und müssen ihr nächstes Musical in Sing-Sing auf die Bühne bringen.

The ProducersMel Brooks hat die Lacher auf seiner Seite. Er bekommt einen Oscar für das beste Originaldrehbuch. Inzwischen gilt sein Filmdebüt als einer der großen Klassiker des New-Hollywood-Kinos. Roger Ebert, der Nestor der amerikanischen Filmkritik, erinnert sich daran, dass seine erste Begegnung mit „The Producers“ ein so befreiendes Erlebnis war, dass nicht einmal „Verrückt nach Mary“ mithalten konnte. Bei allem Klamauk habe der Film einen sehr ernsten Unterton, schrieb die „New York Times“: Keinem anderen sei es so gut gelungen, das Dritte Reich als wahnsinniges Projekt gescheiterter Künstler und kranker Ästheten darzustellen.

„Ich bin wahrscheinlich der ers­te Jude, der mit Hitler richtig viel Kohle verdient!, sagt Brooks. Das ganz große Geld macht er aber erst, als er den Stoff 30 Jahre später zu einem Musical umschreibt, das 2001 am Broadway aufgeführt wird. Brooks verlegt die Handlung aus den späten 60ern in die 50er, Nathan Lane spielt Max Bialystock, Matthew Broderick übernimmt die Rolle des Leo Bloom. Das Musical bricht sämtliche Rekorde. Unmittelbar nach der Premiere werden an einem einzigen Tag Tickets für über drei Millionen Dollar verkauft. Insgesamt spielt das Stück in rund 2500 Vorstellungen an die 300 Millionen Dollar ein.

The ProducersAuch künstlerisch ist es ein Erfolg: Es heimst zwölf Tony Awards ein – die höchste Auszeichnung im amerikanischen Musicalgeschäft. Die Rechte an der Produktion werden daraufhin unter anderem nach England, Spanien, Finnland und Australien verkauft. In Las Vegas kommt eine Fassung auf die Bühne, in der David Hasselhoff in die Rolle des Transvestiten De Bris schlüpft. In Tel Aviv ist das Stück wochenlang ausverkauft. Nach Angaben der Produzenten spielt es weltweit über eine Milliarde Dollar ein. Dieser Erfolg hängt vermutlich weniger mit der etwas eigenwilligen Aufarbeitung des Nazi-Regimes zusammen als mit der Tatsache, dass Mel Brooks sich daran erinnert hat, dass Musicals zur Abwechslung auch mal lustig und intelligent sein dürfen – statt wie bei Andrew Lloyd Webber in Kitsch und Bombast zu ertrinken. Im Grunde ist „The Producers“ ein Musical für Menschen, die keine Musicals mögen.

Die erste deutschsprachige Fassung startete im vergangenen Juli im frisch renovierten Ronacher-Theater im ersten Wiener Bezirk. Zum Musical-Geschäft gehören die Serienproduktion und das Franchise-Prinzip, deshalb ist die Wiener Inszenierung nahezu identisch mit der Aufführung am Broadway. Nur aus dem deutschen Akzent des debilen Nazi-Stückeschreibers Franz Liebkind wurde in der Übersetzung eine bayrische Mundart.

In Wien präsentiert sich „The Producers“ als ein auf geradezu rührende Art und Weise altmodisches Musical, in dem alle Blondinen sehr blond sind und alle Schwulen sehr schwul. Aber der Brookssche Brachialhumor lebt nun mal von Überzeichnungen und Vereinfachungen. Was der Inszenierung an Feinheit fehlt, macht sie durch Lautstärke und Tempo wett. Die Schauspieler jagen durch 20 Szenen, sie tanzen sogar beim Reden, die Kulissen ändern sich im fliegenden Wechsel, die Songs sind keine bloßen Gesangseinlagen, sondern fungieren als Fortsetzung der Dialoge mit musikalischen Mitteln. Nach der Pause tanzt dann das Braunhemden-Ballett, und die Sturmtruppen marschieren in Hakenkreuz-Formation auf, die Showgirls tragen Würstchen, Brezeln und Bierhumpen auf dem Kopf, es ist Frühling, Frühling für Hitler, und der Chor singt: „Sei nicht blöd, du kleiner Bazi, komm zu uns und werde Nazi.“

Ab Mitte Mai gastiert die Wiener Produktion für zwei Monate im Admiralspalast. Der Führer kommt nach Hause. Mel Brooks hat ihn zum zweiten Mal besiegt.

Text: Heiko Zwirner
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: Oliver Hadji/Admiralspalast

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