Theater

Michael Thalheimer an der Staatsoper Berlin

Michal Thalheimertip Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ erzählt mit schöner Musik von ziemlich grausamen Dingen: Eine Frau, Konstanze, ist Gefangene eines türkischen Herrschers, Bassa Selim. Er droht ihr Folter an, wenn sie sich nicht mit ihm einlässt. Ähnlich macht es Selims Diener mit Blonde, Konstanzes Dienerin, er malt sich wollüstig „Martern aller Arten“ aus. Interessiert Sie diese Diskrepanz zwischen der Schönheit der Form und den Drohungen und Gewaltfantasien?

Michael Thalheimer
Das wichtige an dieser Oper ist, dass zwei komplett fremde Kulturen aufeinander prallen, Abendland und Morgenland. Deshalb denkt man zwangsläufig, dass man das politisch in­terpretieren muss, so wird das ja auch oft gemacht. Nur sind dafür das Libretto und die Musik dieser Oper überhaupt nicht tauglich. Mit der „Entführung aus dem Serail“ kann man nicht den Konflikt der Kulturen untersuchen oder illus­trieren. Die Oper schreit überhaupt viel mehr als das Theater nach einer Bebilderung. Und genau dieser Bebilderung verweigere ich mich. Die Musik hat die Kraft, beim Zuschauer Bilder auszulösen, und die können sehr unterschiedlich sein. Deshalb hasse ich es geradezu, mit welcher Beliebigkeit in der Bebilderung Opern mitunter inszeniert werden – der Chor kann als grüner Frosch in einer Mondlandschaft herumspringen, irgendeine beliebige Bild-Idee, die nichts erzählt.

tip Und Sie verzichten auf eine Be­bilderung und versetzen die Oper in einen abstrakten Raum?
Thalheimer
Ja, es ist abstrakt.

tip Kein dekorativ orientalisches Ambiente?
Thalheimer
Nein, aber das haben Sie vermutlich auch nicht im Ernst erwartet. Das ist keine Oper über den Orient. Was mich an dieser Oper interessiert, ist die Entfremdung, der Verlust der eigenen Identität, zum Beispiel bei Konstanze und ihrer Dienerin Blonde, den Gefangenen des Bassa Selim. Sie sind in der Fremde. Belmonte, der Liebhaber von Konstanze, will sie entführen, das scheitert, und am Ende, das ist eine überraschende Wendung, werden sie von Bassa Selim begnadigt und in die Freiheit entlassen. Bleibt die Frage, was diese Freiheit für die beiden Liebespaare bedeutet. Sind sie tatsächlich frei, oder landen sie nur in einem viel größeren Gefängnis? Gäbe es einen vierten Akt, würden sich beide Liebespaare zu Beginn dieses Aktes trennen. Ihr Liebe funktioniert nur über den Verlust und die Trennung.

tip Eine Merkwürdigkeit dieser Oper ist, dass eine der wichtigsten Figuren, Bassa Selim, nicht singt, es ist eine Sprechrolle. So entsteht ein starker Kontrast zwischen ihm und den übrigen Figuren. Er ist zwar der Herrscher, aber auch die einzige wirklich unglückliche Figur, in Konstanze verliebt, die ihn zurückweist. Weshalb verweigert ihm Mozart den Gesang?

Thalheimer
Es ist nicht klar, weshalb er nicht singt. Im Briefwechsel Mozarts gibt es eine Stelle, nach der Kaiser Joseph II. sich beschwert hat: „Zu viele Noten, Herr Mozart, zu viele Noten!“ Es gibt auch die Theorie, dass Mozart mit dem Sänger der Uraufführung unzufrieden war und ihm deshalb nur eine Sprechrolle gegeben hat. Das muss uns heute nicht mehr interessieren. Was bleibt, ist der Kontrast zwischen Bassa Selim und den anderen. Ich glaube, er ist der einzige, der nicht krank ist. Er braucht die Musik nicht. Er ist mit sich im Reinen. Alle anderen sind krank, deshalb müssen sie singen. Osmin zum Beispiel, der Diener des Bassa, mit seinen ständigen Gewaltfantasien: Man hat das Gefühl, dass das ein sehr hilfloser Mensch ist. Die anderen sind krank durch ihren Identitätsverlust, das Leben in der Fremde. Und sie glauben wahnhaft an eine fixe Idee, nämlich die Liebe. „Was aller Welt unmöglich scheint, wird durch die Liebe doch vereint“, singt Belmote. Das ist der letzte Strohhalm, den dieser Mensch besitzt. Die beiden Liebespaare, Konstanze und Belmonte und ihre Diener, Blonde und Pedrillo, bewegen sich die ganze Oper über auf sehr dünnem Eis. Sie klammern sich dauernd an ihre Sehnsucht nach der Liebe. Das ist wirklich eine fixe Idee, kein gelebtes Gefühl. Ihre Sehnsucht wird nicht eingelöst. Die Musik erzählt nicht von einem Happy End. Sie werden entlassen in die Leere, in die Verlorenheit.

tip Weshalb singen diese Liebeskranken?

Thalheimer
In der Oper hat man oft das Problem der Zeitendehnung, fünf Sätze werden zehn Minuten lang wiederholt und endlos gedehnt. Das hat ja einen bestimmten Sinn. Entweder ist es etwas Unerfülltes, etwas Krankes oder eine Steigerung des Gefühls, in dem man so lange bleibt, bis es für die Figur selbst und für die Zuschauer unerträglich wird. Damit spielt Mozart gerade in dieser Oper mit Penetranz, das ist wunderbar komponiert, aber in der Aussage bleibt es penetrant. Nur Menschen, die ihren Gefühlen nicht glauben, müssen ihre Gefühlsbehauptungen so ausgiebig wiederholen. Der Kon­trast dazu sind die gesprochenen Dialoge, die wir extrem verdichtet und verknappt haben. In den Dialogen entsteht die Härte. Es wäre ein Fehler, sie breitzutreten. Das ist ein eher sperriges Werk von Mozart, schon weil es eigentlich keine Oper, sondern ein Singspiel ist. Erst in der Musik werden die Figuren plastisch, das ist der Schwerpunkt. Die Musik ist die eigentliche, unmittelbare Erzählebene.

tip Wie gehen Sie als Regisseur, der vom Sprechtheater kommt, mit dieser Erzählebene der Musik um?

Thalheimer
Natürlich ist die Arbeit mit dem Dirigenten Philippe Jordan wichtig. Die Haltung zu einer Figur, zu einer Szene, beeinflusst die Sängerin, den Sänger in der Weise, wie eine Arie gesungen wird. Das ist für mich im Augenblick bei den Proben eine Riesenerfahrung, auch ein Lernprozess: Wie verändern Inhalte die Farbe einer Musik? Ich finde das extrem spannend. Gerade dabei bin ich sehr froh, mit einem tollen Sängerensemble zu arbeiten, das in der Lage ist, inhaltlich zu denken und nicht nur einfach schön zu singen – zum Beispiel Christine Schäfer, die die Konstanze singt.

tip Sie haben Bassa Selim mit einem Ihrer Lieblingsschauspieler besetzt, Sven Lehmann. Lehmann ist ein ziemlich pathosferner Schauspieler, kein Großtöner. Ist das ein Bassa Selim, der nicht von Anfang an edel ist, sondern jemand, dem man durchaus zutraut, Konstanzes Willen notfalls mit Gewalt zu brechen?

Thalheimer
Absolut. Sonst wäre der Gnadenakt am Ende erstens nicht überraschend und zweitens kitschig. Es gibt keinen Menschen, der nur edel und voller Tugend ist. Und wenn es ihn geben sollte, will man ihn nicht auf der Bühne sehen, das wäre die pure Langeweile.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Jens Berger/tip

Termine: Die Entführung aus dem Serail
Premiere: So 7.6., 19 Uhr
Adresse und weitere Infos: Staatsoper Berlin
Tickets: www.tip-berlin.de/tickets

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