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Michael Thalheimer im Gespräch über Schillers „Die Jungfrau von Orleans“

halheimer_c_DavidvonBeckerHerr Thalheimer, Sie inszenieren derzeit in Stockholm „Woyzeck“. Wie geht es Ihnen in Schweden?
Ehr gut, muss ich sagen. Ich habe vor fünf Jahren schon mal am Dramaten inszeniert, „Kasimir und Karoline“. Das Ensemble ist großartig. Das Schöne an der Arbeit jetzt ist, dass es bis auf zwei Kollegen genau dieselben Schauspieler wie damals sind. Man muss sich nicht großartig erklären, sondern kann direkt anfangen, miteinander zu arbeiten. In Paris, in Kopenhagen und Stockholm habe ich mit den jeweiligen Theatern eine schön Arbeitskontinuität.

Sind Sie im Ausland der Fachmann für die düsteren deutschen Stücke?
Ich glaube, deswegen werde ich überhaupt geholt. (lacht) Ich habe in Paris und in Schweden einen lustigen Spitznamen: The German Monster. (lacht) Die europäischen Theaterleute schauen schon sehr nach Deutschland und speziell nach Berlin, oft kommt man über Gastspiele in Kontakt. Wir waren mit „Emilia Galotti“ und „Faust“ in Stockholm.

Sie können auch in Deutschland an jedem großen Theater inszenieren. Jenseits der Freude daran, ein gefragter europäischer Regisseur zu sein – was reizt Sie daran, im Ausland zu arbeiten?
Mir ist auf der Bühne das gesprochene Wort sehr wichtig, ich gehe schon in die Sprache rein. Wenn man im Ausland Schauspiel inszeniert, ist das eine andere Herausforderung, vor allem wenn man, wie ich, weder dänisch noch schwedisch versteht. Inzwischen kann ich den Text, auch wenn ich immer noch kein schwedisch spreche. Die fremde Sprache und die andere Theatertradition, aus der die Schauspieler kommen, schaffen eine andere Distanz. Ich kann mich in der Arbeit selbst überprüfen, meine Formsprache muss sich neu bewähren: Werde ich verstanden, funktioniert meine Theaterkonzeption? Und wenn ich in Stockholm arbeite, verlasse ich, anders als in Berlin oder in Wien, mein Umfeld, den ganzen Kontext, der eine Premiere umgibt. Ich bin sozusagen, zusammen mit den Schauspielern, alleine mit der Arbeit. Ich kenne in Schweden zum Beispiel, anders als hier, keine Theaterkritiker, sehr angenehm. (lacht)

Jetzt kommt Ihre Inszenierung von Schillers „Die Jungfrau von Orleans“, eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, ans Deutsche Theater. Ein seltsames Stück: Johanna, ein Mädchen in der Pubertät, hat religiöse Visionen, sie verbindet sexuelle Enthaltsamkeit mit rauschhaftem, kriegerischem Fanatismus. Man denkt unwillkürlich an islamistische Selbstmordattentäterinnen. Wollen Sie das Stück irgendwie in die Gegenwart holen oder interessiert Sie gerade, dass uns aufgeklärten, nüchternen Zeitgenossen diese Johanna und der mittelalterliche Stoff sehr fremd sind?
Die Fremdheit ist das, was mich an dieser Figur Johanna am allermeisten interessiert. Es wäre mir zu einfach, Johanna in einen anderen Kulturkreis zu versetzen und etwa eine radikale Islamistin aus ihr zu machen. Man fühlt sich natürlich daran erinnert. Ich kenne mich im Islam nicht aus, schon deshalb kommt mir so eine Übertragung fragwürdig vor. Das ist ein junges, naives Mädchen aus der Provinz, die glaubt, dass sie einem göttlichen Auftrag folgt, sie dient als blindes Werkzeug dieser Mission. Kaum wird sie sehend, ist sie nicht mehr fähig, den Auftrag auszuführen. Man kann fragen, ob das stimmt: Müssen wir uns aufgeben, um etwas Großes zu tun? Was bedeutet das, wenn alle damit beschäftigt sind, sich selbst zu verwirklichen? Ist das die Krise des Individuums? Wenn man keinen Wert außerhalb seiner selbst hat, ist der Einzelne schlicht überfordert. Können wir die großen Fragen, die sich jedem von uns stellen, wirklich nur mit uns alleine ausmachen? Das glaube ich nicht. So etwas wie Sinn kann man sich nicht selbst liefern. Johannas Unbedingtheit macht ihre Aura aus, und die wird natürlich von anderen ausgenutzt. Das ist der spannende Konflikt.

DT_Jungfrau_von_Orleans_18260_jungfrau_6631_c_ArnoDeclairThomas Mann nennt das Stück eine „Wort-Oper“. Nicht nur der Stoff ist uns fremd, auch Schillers ungeheuer dichte Verssprache, oder?
Das stimmt. Die Figuren sprechen eigentlich Arien. Ich finde, es ist eines der kompliziertesten Stücke von Schiller, sicher nicht das dankbarste Stück für einen Regisseur. Die Rezensionen nach der Premiere in Salzburg waren sehr durchwachsen. Ich bin nicht beleidigt, aber manchmal hat man das Gefühl, als gäbe es eine Unlust, sich auf die Aufführung eines in seinen Themen und seiner Form so sperrigen Stücks einzulassen. Aber ich bin froh, dass wir uns diesem Stück gestellt haben, zumal wir im Ensemble eine wunderbare Schauspielerin der Johanna haben, Kathleen Morgeneyer.

Weil Sie die formale Sperrigkeit erwähnen: Es gibt von Nietzsche eine schöne Formulierung über „großen Stil“: Er entstehe, „wenn das Schöne den Sieg über das Ungeheure davonträgt.“ Trifft das auf Schillers Stück zu?
Ja, finde ich schon. Ich liebe diese Form, ob das antike Tragödien sind, „Medea“, „Elektra“, oder „Faust“ oder jetzt „Die Jungfrau von Orleans“. Mich interessieren Figuren, die nur auf der Bühne möglich sind, die nur im Theater existent sind. Das ist für mich viel spannender als naturalistische Alltagsbekannte. Medea oder Johanna oder Mephisto treffen wir nicht in einem Cafй im Prenzlauer Berg. Mich reizt gerade das Ungeheure, Monströse dieser Figuren. Ein Regisseur, der sich dem mit hohem Formbewusstsein gestellt hat, war Einar Schleef. Deshalb fehlt er dem Theater so sehr.   

Schillers Stück hat gut 3500 Verse, 120 Buchseiten. Würde man es ungestrichen spielen, wären das sechs, sieben Stunden Theater. Wie lange dauert es bei Ihnen?
Etwas mehr als zwei Stunden. Sie wissen, dass ich im Ruf stehe, Stücke stark zu verdichten und zu verknappen.

Stört Sie der gelegentlich zu hörende Vorwurf, dass Sie Ihr Formkorsett über jedes Stück pressen, das Sie inszenieren?
Wer das sagt, schaut nicht hin, und das ist schade. Zwischen der Form meiner Frankfurter „Medea“-Inszenierung und zum Beispiel „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Deutschen Theater liegen Welten.

Sie wechseln als Regisseur an die Schaubühne, „Die Jungfrau von Orleans“ ist vorerst Ihre letzte Arbeit am Deutschen Theater. Sowohl mit dem DT wie mit dem Intendanten Ulrich Khuon verbindet Sie eine lange Arbeitsbeziehung. Sind Sie angesichts dieses selbstgewählten Abschieds traurig?
Ja, natürlich. Mit Uli Khuon und seinen Dramaturgen arbeite ich seit 13 Jahren zusammen, seit „Liliom“, erst in Hamburg, dann in Berlin. Wir haben viele schöne Arbeiten miteinander gemacht. Aus dem langen gemeinsamen Weg, der manchmal auch schwer war, ist eine Freundschaft entstanden. Ich habe mich dafür entschieden, jetzt eine Pause zu machen. Ich glaube, Uli Khuon und das Ensemble verstehen, warum ich das tue. Ich möchte nicht in eine Routine kommen. Ich muss mit dem Ortswechsel und dem neuen Ensemble etwas Neues ausprobieren. Ich weiß noch nicht, was ich dadurch gewinne. Aber ich weiß, was ich verliere. Die Freundschaft, hoffe ich, bleibt bestehen. Es wäre ja wunderbar, wenn es nach einer Pause von vielleicht drei Jahren wieder eine neue Neugier aufeinander gäbe.

Wenn Frank Castorf seinen Vertrag nicht noch mal verlängert, braucht die Volksbühne 2016 einen neuen Intendanten. 2016 endet auch Claus Peymanns Intendanz am Berliner Ensemble. Können Sie sich vorstellen, ein Theater zu leiten?
Ich komme langsam in ein Alter, in dem man über so etwas nachdenken kann. Aber das Haus und der Ort müssten stimmen.

Stimmt Berlin als Ort?
Ich habe drei Kinder, die gehen hier zur Schule und in die Kita. Berlin ist eine enorm spannende Theaterstadt. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Berlin wäre ein Geschenk. Ich hatte Angebote aus anderen Städten, ein Haus zu übernehmen, die ich aus verschiedenen Gründen, zum Teil auch aus privaten Gründen, nicht annehmen wollte. Die Frage ist auch, was würde ich als freier Regisseur aufgeben? Ich arbeite sehr gerne am Burgtheater, in Stockholm, ?in Paris.

Hatten Sie auch Angebote, ein Theater außerhalb Deutschlands zu leiten?
Sagen wir, es gab Gespräche.

Interview: Peter Laudenbach

Fotos: David von Becker (Porträt), Arno Declair

Die Jungfrau von Orleans? Deutsches Theater, Fr 27., Sa 28.9., 20 Uhr, Sa 5., So 6., Di 15.?–?Do 17.10., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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