Theater

Michael Thalheimer im Gespräch

Thalheimer_Michael_arno_declairtip: Lieber Herr Thalheimer, bisher mochte ich an Ihren Inszenierungen immer drei Eigenschaften: Sie hatten eine gewisse Schroffheit und Härte. Es waren keine deutschen Gegenwartsstücke darunter. Und es dauerte selten länger als 90 Minuten. Wollen Sie jetzt mit dieser schönen Tradition brechen, indem Sie mit „Unschuld“ ein Werk von Dea Loher inszenieren?

Michael Thalheimer:?Der Abend wird  schon länger als 90 Minuten, vielleicht werden es zwei Stunden. Das hat einfach mit der Vielzahl an Figuren zu tun, die da schicksalhaft miteinander verknüpft sind. Aber meinen direkten Zugriff auf das Stück will ich natürlich trotzdem beibehalten. Zwei Dinge sind für mich neu. Ich inszeniere in der Tat zum ersten Mal ein deutsches Gegenwartsstück, und ich inszeniere zum ersten Mal ein Stück, das eine Frau geschrieben hat. Das ist ein spürbarer Unterschied. Egal mit welcher Thematik Dea Loher sich beschäftigt, was sie schreibt, hat immer etwas Persönliches. Das ist etwas anderes als die Härte, die ich in den Texten männlicher Autoren oft entdecke. Die weibliche Sichtweise ist spürbar und das interessiert mich. Es herrscht eine ganz andere Offenheit. Das geht bis dahin, wie ich auf den Proben mit den Schauspielern umgehe.
tip: Naja, es soll ja auch die eine oder andere Dramatikerin geben, deren Texte ziemliche Härten entwickeln.

Thalheimer: Natürlich, Elfriede Jelinek vorneweg.

tip: Weshalb haben Sie bisher nie ein deutsches Gegenwartsstück inszeniert?

Thalheimer: Mir sind noch nicht so viele Stücke von deutschen Gegenwartsautoren zugeflogen, bei denen ich dachte, dafür lohnt es sich, mich acht Wochen mit den Schauspielern auf der Probebühne einzusperren. Die Uraufführung von „Unschuld“ hat Andreas Kriegenburg vor acht Jahren in Hamburg inszeniert, das bedeutet auch, dass ich mit dem Text frei umgehen kann, viel freier, als wenn es eine Uraufführung wäre. Ich verstehe ohnehin den Kult der Uraufführungen nicht, den die deutschen Theater so massiv betreiben. Wenn alle drei Tage eine Uraufführung stattfindet, wenn ein gefragter Autor pro Saison drei oder vier neue Stücke zur Uraufführung bringt und wenn die meisten neuen Stücke eine Halbwertzeit von einer Uraufführung haben, entsteht eine Inflation. Und keine Konzentration auf das einzelne Werk. Mittlerweile merkt man das diesen schnell geschriebenen und schnell vergessenen Stücken natürlich auch an.

tip: Sie inszenieren gerne Tragödien, Texte mit einer gewissen Aussichtslosigkeit. Ent­decken Sie in Lohers „Unschuld“ eine ­Tragödie?

Thalheimer: Nein, das ist keine Tragödie. Zu einer Tragödie gehört eine stringente Erzählstruktur, und das verweigert Dea Loher ganz bewusst. Hier muss ich als Regisseur in ihrer Partitur eine Geschichte entdecken. Inwieweit die Figuren miteinander zu tun haben, ist nicht so eindeutig und klar, wie in einem Stück von Henrik Ibsen.

tip: Die 19 Szenen in Lohers Text sind bevölkert von wechselndem Personal. Eine Frau ertrinkt im Meer, ein Selbstmörder stürzt sich aus dem Fenster, ein anderer kann sich nicht entscheiden, zu springen. Eine ratlose Philosophin führt ein Selbstgespräch, ein afrikanischer Migrant verliebt sich in eine blinde Stripteasetänzerin – das sind zunächst lauter szenische Miniaturen. Sie wirken fast ein wenig ziellos. Es fehlt ein zentraler Konflikt, es fehlt eigentlich alles, was in Ihren bisherigen Inszenierungen für eine gewisse Wucht gesorgt hat, oder?

Schnitger_ThalheimerThalheimer: Kraft und Wucht sehe ich in Dea Lohers Stück durchaus. Es ist meine Aufgabe als Regisseur, dafür zu sorgen, dass das eben nicht ziellos oder gar zufällig und beliebig wirkt, sondern zu zeigen, wie die Figuren, vielleicht auch ohne voneinander zu wissen, miteinander zu tun haben. Ich denke bei dieser Erzählstruktur oft an einen Film, den Sie sicher kennen, „Magnolia“ von Paul Thomas Anderson. Das Verbindende all dieser Figuren in „Unschuld“ ist vielleicht, dass sie alle auf der Suche sind, dass sich ihnen die Frage stellt, was eigentlich ihr eigenes Leben ist, was macht das aus, was hat das alles für einen Sinn.

tip: Das sagt ja eine der Figuren, Frau Habersatt, ganz direkt: „Was ist denn mein eigenes Leben?“ Kurz darauf fällt ein ähnlich bedeutungsschwerer Satz: „Wir wären alle gern unschuldig.“ Wie würden Sie jemandem, der es nicht kennt, das Stück erzählen?

Thalheimer: Das kann man nicht erzählen wie einen Fünfakter von Gerhart Hauptmann. Das ist eine komplexe Partitur. Dea Loher erzählt von Menschen, die nicht nur fragen, was ihr eigenes Leben denn sein könnte, sondern die zumindest ahnen, dass das eigene Ich nur existent und lebbar ist, wenn es ein Du gibt, ein Gegenüber. Das ist im Kern ein sehr christlicher Gedanke, aber der liegt dem Ganzen zu Grunde. Schuld und Sünde hat denselben hebräischen Wortursprung, das heißt Verfehlung, wie ein Bogenschütze, der sein Ziel verfehlt. Und hier könnte man sagen: Das Ziel, das die Figuren verfehlen, ist das eigene Leben. Daraus resultiert ein Gefühl der Schuld. Die Sehnsucht nach Unschuld ist eigentlich die Sehnsucht danach, sich und sein Leben in einer Gemeinschaft zu verwirklichen. 

tip: Schuld, Sünde, Verfehlung – das sind aus Ihrem Mund ungewohnt moraltheologische Vokabeln.

Thalheimer: Nein, so neu ist das nicht. Um diese Fragen ging es mir schon, als ich die „Orestie“ inszeniert habe. Es gibt am Ende ja nur fünf, sechs große Fragen, die die Menschen seit der Antike immer wieder beschäftigen, Fragen nach Schuld, Rache, Opfer, Verfehlung, nach dem Sinn, danach, ob es die Götter gibt oder ob es nur den einzelnen Menschen und seine Eigenverantwortung gibt. Ähnliche Fragen stellt auch Dea Loher, nur eben mit zeitgenössischen Figuren.

tip: Auch an die alte Tradition des Gottesbeweises knüpft Dea Loher an, wenn sie den afrikanischen Migranten Fadoul in einer Plastiktüte unter einer Parkbank, im Müll genau 200?089 Euro finden lässt – für Fadoul ist das der Beweis dafür, dass es einen Gott geben muss. Kurz darauf vertauscht er dann immer wieder die Worte „Gott“ und „Geld“. Das wirkt fast wie die naive Parodie auf ein ernsthaftes Nachdenken über Religion.

Thalheimer: Wenn es nur eine Parodie wäre, wäre mir das zu wenig. Manchmal steckt in solchen einfachen Wortspielen wie „Gott“ – „Geld“ eine Wahrheit und eine große Kraft. Wir haben aus dem Glauben an das Geld eine neue Religion kreiert, wir schauen mit fast schon religiöser Ergriffenheit auf das Geschehen an den Börsen.

tip: In das Parlando von Lohers Gegenwarts­figuren sickert dezent europäische Philosophiegeschichte, etwa wenn die blinde Stripteasetänzerin nebenbei Kant zitiert und vom „bestirnten Himmel über mir“ spricht, der bei Kant bekanntlich zusammen mit dem „moralischen Gesetz in mir“ auch ohne Gott für moralische Orientierung sorgt. Ein bisschen viel geistesgeschichtlicher Ballast, oder?

Thalheimer: Überhaupt nicht, solange es lebendige Figuren sind, und das sind sie. Man entdeckt in den Texten der Figuren auch Sätze von Nietzsche und vor allem immer wieder Zitate aus der Bibel. Genau diese versteckten Zitate schaffen in diesen 19 Szenen natürlich auch etwas Verbindendes, sie umkreisen immer wieder das Kernthema: Was ist der Sinn meines Lebens, und gibt es überhaupt einen Sinn? Auf die Frage, ob ich gläubig bin, würde ich Ihnen keine Antwort geben. Nicht nur, weil das zu intim ist, das ist es sicher, sondern vor allem, weil ich darauf keine Antwort habe. Aber was ich sagen kann, ist, dass es mich schon lange interessiert, mich mit Religion auseinanderzusetzen. Im Sommer habe ich mich, auch zur Vorbereitung auf diese Inszenierung, mit Herrn Ratzinger beschäftigt. Ich habe ein Buch gelesen, das er noch vor seiner Wahl zum Papst geschrieben hat, „Einführung in das Christentum“. Das kann ich nur empfehlen, man muss nicht Herrn Ratzingers Meinung sein, aber was er schreibt, ist einfach klug. Später habe ich dann erfahren, dass Dea Loher in Traunstein aufgewachsen ist, in einem engen, katholischen Milieu, und Herr Ratzinger persönlich hat sie als Kind gefirmt.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair, Harry Schnitger

Unschuld Deutsches Theater, 29., 30.9., 19.30 Uhr, 7., 9., 23.10., 20 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

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