Theater

Migranten auf der Theaterbühne

BallhausNaunynstrasseJubel im Feuilleton, Gedränge vor der Kasse, Prominenzschaulaufen im Foyer. Hype, Hype, Hurra! Nurkan Erpulats Inszenierung „Verrücktes Blut“ am Ballhaus Naunynstraße, immer ausverkauft, wurde als „Theaterhit der Saison“ gefeiert und zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Das Stück, in dem eine überforderte Lehrerin (Sesede Terziyan) einer Klasse aus Migrantenlümmeln von der letzten Bank mit vorgehaltener Pistole Schillers „Räuber“ einzubimsen versucht, stellt mit kluger Ironie und Spielwitz das Klischee vom Bildungsverlierer auf den Kopf und nimmt die ganze verkrampfte Integrationsdebatte gleich mit hops. Das trifft den Nerv der Zeit.

Der Erfolg des postmigrantischen Kreuzberger Ballhaus-Theaters steht für einen Trend. Die Bühnen beginnen sich den deutschen mit den nichtdeutschen Eltern zu öffnen. Das Einwanderungsland Deutschland kommt langsam im Theater an. Der türkische Regisseur Nurkan Erpulat ist an Theatern in Düsseldorf, Wien und am Deutschen Theater Berlin gefragt. Neco Celik, in Kreuzberg geborener Film- und Theatermacher, hat in Stuttgart eine Oper inszeniert. In Bochum brachte unlängst der Istanbuler Mahir Günsiray den „Faust“ auf die Bühne. Nuran David Calis, Theatermacher mit armenisch-jüdisch-türkischen Wurzeln, ist republikweit an Stadttheatern beschäftigt, oft mit Jugendprojekten. In Köln hat Intendantin Karin Beier, zumindest bei großzügiger Auslegung, ein interkulturelles Ensemble versammelt. Und die Komische Oper in Berlin will ab der kommenden Spielzeit unter dem Motto „Oper kann das!“ mit türkischen Obertiteln und begleitenden Workshops eine bislang eher als opernfern geltende Community erreichen.

Verena-EidelDas alles zeigt natürlich auch, wie lange das deutsche Theater als geschlossene Veranstaltung der deutschen Mittelschicht munter an der Lebenswirklichkeit des bundesrepu­blikanischen Einwandererlandes vorbei produziert hat. Allein in Berlin leben 872?000 Menschen, ein Viertel der Bevölkerung,  mit dem, was man in Ermangelung besserer Ausdrücke Migrationshintergrund nennt. In anderen Künsten ist es schon lange selbstverständlich, dass die Einwanderer und ihre Kinder die eigene Perspektive und Kultur selbstbewusst behaupten. Jeweils auf der Höhe der Zeit. Aras Ören hat mit seinem Poem „Was will Niyazi in der Naunynstraße“ die deutsche Literatur schon in den 70er- Jahren mit Gastarbeitererfahrungen konfrontiert. Spätestens seit Feridun Zaimoglus „Kanak Sprak“ war der deutsche Literaturbetrieb um einen frischen Zungenschlag reicher. Fatih Akin hat im Kino mit seinen frühen, an Martin Scorsese geschulten Schmelztigel-Storys wie „Kurz und Schmerzlos“ die beengte Perspektive der Migrations-Tristesse а la „40 qm Deutschland“ gesprengt. Nur im Theater fand eine zweite und dritte Generation mit ihren Geschichten keinen Raum. Die kam noch vor ein paar Jahren höchstens als mordbereite Machobraut in Lutz Hübners „Ehrensache“ vor. Und als nichtdeutsche Regisseure waren überwiegend Theaterjobber aus den Niederlanden oder Belgien gefragt.

Er könnte über sein Haus den Schriftzug „Türkisch“ setzen, so wie Frank Castorf die Verortung „Ost“ auf dem Volksbühnen-Dach hätte anbringen lassen, sagte Matthias Li­lienthal mal mit Blick auf den migrantischen Kreuzberger Kiez, in dem er das Hebbel am Ufer leitet. Das HAU war auch diesmal der Pionier in Sachen Offenheit und Entdeckergeist. Vor allem mit dem Festival-Format „Beyond Belonging“, das erstmals 2006 stattfand, kuratiert von der heutigen Ballhaus-Chefin Shermin Langhoff. Für „Beyond Belonging“ wurden Künstler engagiert, die bis dato mit Theater wenig am Hut hatten und meist aus dem Filmbereich stammten. Neco Celik zum Beispiel, der mit seiner Inszenierung der dokumentarisch basierten, sexuell expliziten Muslima-Monologe „Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu und Günther Senkel einen echten Hit gelandet hat. Oder Tamer Yigit, der am HAU in Arbeiten wie „Meine Melodie“ seine eigene Kreuzberger Biographie auf die Bühne brachte.

Heimathafen_SaalGeschichten aus dem Kiez für den Kiez erzählen auch die Bühnen in Neukölln. Am Heimathafen im Saalbau an der Karl-Marx-Straße hatte das Künstlerlnnen-Team mit der Dramatisierung der Güner-Balci-Romane „Arabboy“ (Foto Mitte) und „ArabQueen“ durchschlagenden Erfolg. Harte, dabei nicht reißerische Ghetto-Geschichten, die ein Brennpunkt-Milieu beschreiben, „das der zugezogene Stuttgarter nicht unbedingt kennt“, wie es Schauspielerin Inka Löwendorf sagt. Die Neuköllner Oper, wo aktuell die Kiez-Ballade „Discount Diaspora“ nach Libretto von Zaimoglu und Senkel läuft, hat die junge, in Ankara geborene Komponistin Sinem Altan als „Composer in Residence“ eingeladen. Die debütierte 2008 mit dem Mozart-Singspiel „Türkisch für Liebhaber“ und landete einen Hit. Natürlich habe man die türkische Community dabei im Blick gehabt, erzählt Christian Römer aus dem Leitungsteam der Neuköllner Oper. Zu 90 Prozent aber rannten ihnen Deutsche die Bude ein. Die Erfahrung daraus: „Wenn eine Minderheit ihre Geschichten authentisch und gut erzählt, interessiert es auch die Mehrheitsgesellschaft.“

Generell ist natürlich die Erwartung ein Problem, dass Migranten ausschließlich mi­grantische Geschichten erzählen. Das bleibt dann Ausgrenzung anderer Art. „Wir sind kein Migrantenstadl“, betont Shermin Langhoff und beschreibt ihr Haus im Gegenzug als „Kreuzberger Stadttheater“, das im Programm auf die Vielfalt der urbanen Realität reagiere. Die Gefahr der Selbst-Ethnifizierung läuft da immer mit. Nurkan Erpulat, Schöpfer der satirischen Gastarbeits-Revue „Lö Bal Almanya“, bekommt inzwischen auch Stücke von Tschechow oder Gorki angeboten. Tamer Yigit, Regisseur der furiosen, mit Kreuzberger Schülern entstandenen Produktion „Ein Warngedicht“, hat unlängst im Fachblatt „Theater heute“ unter der Überschrift „Intendanten, integriert euch“ nicht zu Unrecht die Selbstgefälligkeit des Betriebs mit seinen „Quotentürken“ beklagt. „Das Theater ist ein Zoo und wir sind eine exotische Tierart da­rin“, so Yigit. „Mich würde aber interessieren, wann endlich mal der Karl aus den ‚Räubern‘ mit einem Türken besetzt wird, ohne dass dabei die postmigrantische Schiller-Lesart entsteht.“

Text: Patrick Wildermann

Fotos: Lutz Knospe, Verena Eidel

Lö Bal Almanya Ballhaus Naunynstraße, 15., 17.–19.4., 20 Uhr, www.ballhausnaunynstrasse.de

Discount Diaspora Neuköllner Oper, 15., 16.–28.4.,  20 Uhr, www.neukoellneroper.de; www.heimathafen-neukoelln.de;
www.hebbel-am-ufer.de

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