Theater

Migrantentheater in Berlin

migrantenEr hat einen Schotten gespielt in „Trainspotting“, einen Deutschen in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ und sogar den deutschen König Marbod in der „Hermannsschlacht“ – doch wenn man den Schauspieler Sinan Al Kuri (29) fragt, wie er sein Geld verdient, antwortet er: „Als Vorabendkanake.“ Al Kuri lebt zwar seit 26 Jahren in Deutschland, hat Abitur und spricht wahrscheinlich besser deutsch als viele Einheimische. Aber im Fernsehen und auf der Theaterbühne ist er aufgrund seines Aussehens auf die typischen Ausländerrollen abonniert: Taxifahrer, Dönerverkäufer, böser Bruder, Dealer. Wie ihm geht es vielen Schauspielern mit Migrationshintergrund. „Im Theater gibt es ja einen richtigen postmigrantischen Boom an Stücken und Texten zum Thema“, sagt Al Kuri.

Seitdem bekomme er wieder vermehrt die Rollen des Ausländers angeboten. Eine zweischneidige Sache. „Das Anliegen ist ja cool“, sagt Al Kuri, „aber es unterstützt eben auch das Subkulturdenken.“ Der gebürtige Iraker kam mit drei Jahren nach Deutschland und wuchs bei einer deutschen Mutter auf. Sinan: „Ich fühle mich zu 90 Prozent als Deutscher. Aber wenn ich spiele, dann immer irgendwas mit Migrationshintergrund – und fast immer spielt das Fremdsein irgendeine Rolle.“ Egal ob es dann ein schwuler Türke ist oder ein türkischer Romeo. Einen türkischen Freund von Romeo hat Sinan Al Kuri dann auch in Neco Celiks Version des Shakespeare-Dramas spielen dürfen. Nicht, dass er sich beklagen will, aber einen Deutschen würde man ihm eben auch abnehmen.


Beweisen konnte er das gerade bei seinem jüngsten Auftritt. In der Bestseller-Adaption „Arabboy“, wieder mal ein Migrationsstück, im Saalbau Neukölln spielt er ein gutes Dutzend Rollen – vom (arabischen) Rotlichtboss bis zum (deutschen) Erzieher. An seiner Seite: einer der jüngsten Berliner Schauspieler – Hüseyin Ekici (18). Auch er hat schon mitbekommen, wie es läuft: „Einmal war ich einfach der Freund eines Deutschen, ansonsten meistens der fiese Ausländer“, erzählt Ekici von seinem Arbeitsalltag. Einen Vorteil haben die Bühnenauftritte trotzdem: „Im Theater darf ich meistens akzentfrei sprechen – im Fernsehen kommt das kaum vor“, sagt Al Kuri. Der „Vorabendkanake“ spricht nun mal holprig deutsch. Zumindest in den Köpfen der Produzenten und Regisseure. Auch Werbeproduzenten fragen gerne an. Zuletzt wollte ein Pharmaunternehmen sein Gesicht für einen Spot. „Eine Mischung aus Klischeekanake und schlechtem Humor.“ Er hat abgesagt. Man muss nicht alles für Geld tun. Bei der ZDF-Serie „Soko“ spielt er dafür demnächst wieder einen „Quo­tenverdächtigen„. Das ist „der, den man die ganze Zeit verdächtigt, dass er der Mörder ist, aber am Ende stellt sich natürlich raus, dass er es nicht war“.

migranten_4Im „Tatort“ hatte er diesen Part vor ein paar Jahren schon mal. Verglichen mit dieser klischeefixierten Besetzungspraxis war es in seiner Schule in Darmstadt, wo er in der Theater-AG beschlossen hat, Schauspieler zu werden, noch einfacher. Da hat der Lehrer nach Leistung besetzt, nicht nach Ethnie. Eine, die mit dem Thema besonders viel Erfahrung hat, ist die Berliner Schauspielagentin Angela Hobrig. Sie vertritt ungewöhnlich viele Schauspieler mit Migrationshintergrund – auch Sinan Al Kuri und Hüseyin Ekici. „Früher habe ich mich aufgeregt, heute nicht mehr“, sagt sie über die Ehrenmörder- und Dönerverkäuferanfragen, die sie erreichen. Manchmal darf ein dunkelhäutiger Schauspieler auch einen Franzosen spielen – „das ist dann schon der erste Triumph“. Doch abraten von diesen Rollen will sie ihren Schützlingen nicht: „Spiel das, oder du spielst gar nicht“, lautet ihr knallhartes Credo. „So ist nun mal die Realität. Du musst dich dem Markt anpassen, und man kann ja nicht gegen den Strom schwimmen.“ Auch ihrem mittlerweile bekanntesten Schützling musste Hobrig anfangs ins Gewissen reden: „Du trägst das Kopftuch, bis du berühmt bist“, lautete der Befehl an Pegah Ferydoni. Ein Trost, dass sich dieser Satz als ganz gute Prophezeiung herausgestellt hat. Nachdem Ferydoni – Reinickendorferin, geboren in Teheran – mit ihrer Rolle der kopftuchtragenden Schwester im Film „Türkisch für Anfänger“ bekannt und unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, spielt sie demnächst in Til Schweigers Fortsetzung des Block­busters „Keinohrhasen“ im kommenden Herbst eine ganz normale Frau. „Das ist wirklich die erste Rolle in acht Jahren, die nicht mit einem Migrationshintergrund zu tun hat“, sagt sie …

Den gesamten Artikel des tip-Autoren Björn Trautwein lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 16/09.

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