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Dokumentartheater

„Die Toten hören uns“ – Milo Rau im Gespräch über sein neues Stück „Die Wiederholung“

Milo Rau ist der Fachmann für Gewalt auf dem Theater. Sein neues Stück „Die Wiederholung“ an
der Schaubühne handelt vom brutalen Mord an dem Homosexuellen Ihsane Jarfi in Lüttich 2012

iIPM/ Thomas Mueller

Milo Rau, 1977 in Bern geboren, arbeitete anfangs als Journalist, z.B. für die Neue Zürcher Zeitung. Seit 2002 hat er mehr als ein halbes Hundert Theaterstücke geschrieben, seine Firma „IIPM – International Institute of Political Murder“ produziert Filme und Inszenierungen. Mit Projekten wie „Hate Radio“ über den Völkermord in Ruanda oder „Kongo Tribunal“ über den Bürgerkrieg im Kongo wurde Rau zum wohl profiliertesten Regisseur des politischen Doumentartheaters.

tip Herr Rau, der erste Satz Ihrer Inszenierung ist unheimlich: „Die Toten sprechen nicht, aber sie hören uns.“ Das Motiv der Erinnerung an die Toten prägt viele ihrer Arbeiten, von „Hate Radio“ bis „Kongo Tribunal“ oder „Five Easy Pieces“. Weshalb ist es für die Lebenden so wichtig, die Toten nicht zu vergessen?
Milo Rau „Die Toten hören uns“, das ist der Ausspruch eines verrückten Musikers, der Leichen ausgrub. Und dann hat mir das genauso auch der Vater des ermordeten Ihsane Jarfi gesagt: „Ich bin mir sicher, mein Sohn hört mich.“ Natürlich ist dem nicht so, oder anders ausgedrückt: Es geht dabei um uns Lebende, wenn wir versuchen, den Tod zu verstehen. In der „Wiederholung“ geht es ja immer wieder um die Zeichen, die wir – der Vater, die Mutter, der Ex-Freund – von dem Toten erhalten. Auf metaphorischer Ebene ist das eine Selbstbefragung der Kunst: Warum lässt uns das Gewesene nicht los, warum verfolgt es uns? Heiner Müller hat gesagt, das Theater sei der Ort des Dialogs mit den Toten. Der Ort, an dem das Vergangene wiederkehrt, an dem das Unmöglichste möglich wird, an dem eben der Geist von Hamlets Vater spricht, wie im Prolog zu „Die Wiederholung“.

tip Weshalb ist das Theater ein prädestinierter Ort für diese Arbeit der Erinnerung?
Milo Rau Weil das Theater so direkt, so unverstellt, so absolut da und lebendig ist. Wenn wir einen Film mit River Phoenix sehen, einen Song von den Doors hören oder ein Buch von Flaubert lesen, dann sprechen Tote zu uns. In meinem Film „Das Kongo Tribunal“ treten Rebellen aus dem kongolesischen Bürgerkriegsgebiet auf, die heute, zwei Jahre später, nicht mehr leben. Im Theater ist das unmöglich: Es sind immer Lebende, die zu Lebenden sprechen. Und in diesem Raum der absoluten, physischen Anwesenheit, der totalen Präsenz die Toten zu beschwören: Das ist für mich die Wurzel des Erzählens.

tip In „Die Wiederholung“ rekonstruieren Sie einen realen Mord: Vier junge Männer folterten 2012 in Lüttich im Alkoholrausch einen arabischen Homosexuellen zu Tode. Weshalb ist dieses schreckliche Verbrechen für Sie als Theaterstoff so interessant?
Milo Rau Gerade wegen seiner Banalität: Ein junger Mann trifft völlig zufällig auf eine Gruppe anderer Männer, die eigentlich auf der Suche nach Mädchen sind. Aus einer Art Enttäuschung schlagen sie ihn, dann setzt sich ein sadistischer Gruppenprozess in Gang. Und irgendwann wird den Mördern, die komplett betrunken sind, klar: Das müssen wir zu Ende bringen. Und das ist auch schon die ganze Geschichte, was das Verbrechen an sich angeht. Für die „Wiederholung“ ist dieser traumatische Kern vor allem ein Erzählanlass: um von der Trauer der Eltern und des Ex-Freunds, der Unerklärlichkeit der Gewalt und des Todes zu erzählen. „Die Wiederholung“ ist ein Stück über das genauso tragische wie banale Wesen der Gewalt – und über die Kraft des Spiels, der Illusion, des Theaters.

tip Was erzählt dieses Verbrechen über die ­Gesellschaft, in der es stattfand? Kann so etwas immer und überall geschehen?
Milo Rau Ich denke, ja. Unser Ansatz ist ja sehr konkret: Es geht wirklich um diesen einzelnen Fall. Und gerade weil wir so konkret sind – das haben wir jedenfalls auf unserer bisherigen Europa-Tour so erlebt – geht dieser Fall auch ein Publikum etwas an, das noch nie etwas von ihm gehört hat. Das ist wie bei „Madame Bovary“, wo es um die Ehekrise und den Selbstmord einer Frau aus der französischen Provinz geht: Je spezifischer und damit banaler ein Fall, je genauer man hinschaut, desto universaler wird er. Natürlich ist der Fall Jarfi ein Fall, der auch etwas über Lüttich erzählt, den Niedergang einer ehemaligen Industriestadt, berühmt durch die Filme der Brüder Dardenne. Aber im Grund kann das immer und überall geschehen. Und das tut es ja auch.

tip Ist es ein Unterschied, ob die Gewalt, von der ein Stück handelt, fiktiv ist wie in einer Shakespeare-Tragödie, oder reale Gewaltverbrechen aufgreift wie in einem Dokumentartheater?
Milo Rau Der Unterschied liegt darin, dass Shakespeare niemandem mehr real weh tut: Es sind 400 Jahre vergangen, seit seine wunderbaren Stücke geschrieben wurden. Wir lesen das in der Schule, niemand muss sich rechtfertigen, warum er die Gemeinheiten eines Richard III. oder Titus Andronicus inszeniert. Bei einem aktuellen Gewaltverbrechen jedoch leben die Involvierten noch, die Gesellschaft ist noch nicht über die Auswirkungen hinweg: Es geht ums Durchqueren eines kollektiven Traumas. Die Aufgabe liegt beim Schreiben heutiger Tragödien also darin, die richtige Mischung aus Direktheit und Universalität zu finden. Das Thema ist in „Die Wiederholung“ ja nur ein Alibi, um über etwas ganz anderes nachzudenken: Wie sprechen wir eigentlich über den Tod, die Trauer, die Einsamkeit – dieses unerklärliche, unerbittliche Schicksal aller Menschen? Und wie zeigen wir die Gewalt, die zum Tode führt? Wie können wir mit Verlust umgehen?

tip Völkermord, sexueller Missbrauch, Bürgerkrieg, Massaker, Sexualmord – was stimmt nicht mit Ihnen, dass Sie sich seit vielen Jahren so obsessiv mit solchen Themen beschäftigen?
Milo Rau Eine der ersten Inszenierungen, an der ich vor fast genau 20 Jahren beteiligt war, war der „­Titus Andronicus“ von Shakespeare in der Heiner-Müller-Bearbeitung. Ein unfassbar brutales, pädagogisch betrachtet komplett sinnloses Stück, in dem Menschen vergewaltigt, zerstückelt, erniedrigt werden. Oder die „Orestie“, die wir kommende Saison im Irak inszenieren: ein Mord nach dem anderen, völlig kranke Spielanlage. Was stimmt mit Shakespeare, mit Aischylos, ja mit dem Theater nicht, dass es sich mit solchen Themen beschäftigt? Ich glaube, man muss die Frage umdrehen: Was stimmt mit uns Menschen nicht? Was ist es, das in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet – aber auch liebt, trauert, nicht vergessen kann? Ich habe bei meinen Recherchen in Belgien, ­Ruanda, dem Irak, Russland, Ex-Jugoslawien, dem Kongo derart Unfassbares gehört und erlebt, dass ich einfach nicht anders kann, als mich mit diesen Fragen zu beschäftigen. So wie andere Theatermacher in ihrer Zeit.

tip Nach Ostermeiers Inszenierung „Im Herzen der Gewalt“ über die Vergewaltigung eines Homosexuellen zeigt jetzt schon wieder ein heterosexueller Regisseur an der Schaubühne ein Stück über Gewalt und Homosexualität. In Zeiten des Identitätsdiskurses – befürchten Sie, dass das als übergriffig wahrgenommen werden könnte?
Milo Rau Für mich ist die Beschäftigung mit dem „Anderen“, also mit dem, was autobiographisch nicht völlig gedeckt ist, der eigentliche Auftrag der Kunst. Wo kämen wir hin, wenn wir uns alle narzisstisch nur für uns selbst interessieren würden – was im Zeitalter des nationalen und identitären Rollback ja leider zur Doktrin geworden ist? Das Theater muss hier klar ­gegensteuern, mit allen und für alle sprechen, ohne sich dabei zu verstecken. Das ist eine Form der Solidarität: sich im anderen wiederzuerkennen und dabei selbst zu erkennen zu geben. Natürlich muss man dabei sehr sensibel vorgehen. Für „Die Wiederholung“ beispielsweise haben wir eng mit dem Ex-Freund des Opfers zusammengearbeitet, ebenso mit der Familie Jarfi, aber auch mit einem der Täter, mit verschiedenen Opferorganisationen. Wir nehmen Kritik sehr ernst, nach der Brüsseler Premiere vergangenen Mai habe ich das Ende des Stücks nochmal uminszeniert. Und zu den Aufführungen in Avignon kamen dann auch Didier Eribon und Edouard Louis – die Autoren der beiden Romane, die Ostermeier an der Schaubühne adaptiert hat. Mit ihnen haben wir uns sehr ausführlich unterhalten, so wie mit vielen anderen auch, und das fließt dann in unsere Arbeit ein.

Foto: Hubert Amiel

tip Schwierige Frage: Wie schützt man sich im Theater bei der Auseinandersetzung mit extremer Gewalt vor Voyeurismus-Effekten und Gewalt-Pornografie?
Milo Rau „Die Wiederholung“ ist ein sehr direktes und sehr indirektes Stück zugleich. Bevor es zur Folterszene kommt, wird jedes Element, jeder Illusions- oder Emotions-Trick gewissermaßen vorgeführt: Es ist ja ein Stück übers Theater, und Theater ist eine Gefühlsmaschine. Trotzdem haut die Szene dann bei vielen Zuschauern voll rein, es gehen auch immer wieder Leute raus. Dass man zeigt, es ist alles Fake, und dann trotzdem in diese grässliche Voyeurs-Position rutscht: Das ist das Ziel. Aber klar, das funktioniert nicht immer. Die Folterszene in „Die Wiederholung“ etwa und andere Szenen in anderen meiner Stücke sind und bleiben umstritten. „Five Easy Pieces“ etwa ist in vielen Ländern nicht jugendfrei, das gleiche gilt für meine Pasolini-Bearbeitung „Die 120 Tage von Sodom“.

tip Letzte Frage: Wollen Sie nach all diesen brutalen Stoffen nicht mal eine Komödie inszenieren?
Milo Rau Mit der Berliner Aufführung der „Wiederholung“ kommt das Stück auf seiner Tour durch Europa nun ins fünfte Land. In Avignon, Brüssel, Gent oder Barcelona haben die Leute sehr viel gelacht, vor allem im ersten Teil: Es war tatsächlich wie in einer Komödie! Im protestantischen Basel dagegen wurde eigentlich gar nicht gelacht, was ich mir für Berlin auch erwarte. Bei „Mitleid“ hingegen, einem Stück, das seit drei Jahren an der Schaubühne läuft, lachen die Berliner immer extrem viel. Als wir „Mitleid“ dann vor ein paar Wochen in einer niederländischen Fassung in Holland zeigten, waren die Leute nur geschockt, es herrschte betretene Stille. Ich liebe es, das Grauen und den Humor zu mischen, und das kommt in jedem Land anders an. Wir sind oft völlig überrascht, an welchen Stellen in welchem Land gelacht oder geweint wird. Die Chinesen etwa waren von „Five Easy Pieces“ sehr berührt, in England und Singapur wäre es fast verboten worden, und die Italiener haben es zum Stück des Jahres gewählt. Denn wie sehr wir uns auch anstrengen: Die „Comédie Humaine“ bleibt eine eher verwirrende Angelegenheit.

Schaubühne Kurfürstendamm 153, Charlottenburg, Termine, Tickets 7 – 48 €

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