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„Mirror and Music“ eröffnet Tanz im August 2012

MirrorAndMusicIn der Kunst gilt kein Renteneintrittsalter: Der legendäre Butoh-Star Kazuo Ohno trippelte noch mit 99 Jahren über Japans Bühnen. Sein Landsmann Saburo Teshigawara, der am 10. August den Tanz im August eröffnet, ist 59 Lenze jung, hat also noch einiges vor sich. Teshigawara ist ein Mann mit melancholischen Augen und offenem Gesicht. Klar, sagt er, „früher verdiente man Respekt im Alter, aber in der Vergangenheit lagen die Dinge auch klarer. Irgendwie ist alles auf der Welt zweideutig geworden. Wenn man nur noch die japanische Kultur vor Augen hat, dann kann sich mein tanzender Körper nicht an die Gegenwart angleichen.“ Heißt: Wenn man nur die eigene Vergangenheit wahrnimmt, gibt es keine Gegenwart.

Es geht nicht ums Schritthalten mit den Jungen, sondern um etwas viel Nüchterneres: Die japanische Kultur existiert so nicht mehr. Die angebliche Harmonie von Tradition und Fortschritt, wie ihn der Westen bewundert, ist eine Illusion: „Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen östlich oder westlich, nicht in den Bereichen Musik oder Kultur“, sagt der inzwischen dienstälteste japanische Tanzstar mit eigener Schule und Kompanie in Tokio. Künstler wie er sind früher oft ausgewandert, vor allem die Anhänger des Butoh, nach Paris, nach New York. Aber Teshigawara, der mit Butoh nichts zu tun haben will, blieb einer zwischen den Welten und einer zwischen den Stilen: „Ich glaube sowieso nicht mehr, dass diese Fragen in den Köpfen junger Menschen noch vorhanden sind.“ Ost oder West, Kapitalismus oder Kommunismus, Klassik oder Pop, Ballett oder zeitgenössischer Tanz, all das sind keine Optionen, die man noch bejahen oder rigoros radikal ablehnen müsste. „Es gibt im Westen kein allgemein verbindliches Denken“, findet Saburo Teshigawara. „Das ist auch ein Vorteil.“

In jungen Jahren war er der erste Japaner überhaupt, der den großen französischen Choreografen-Wettbewerb in Bagnolet gewann. 1986 war das, im selben Jahr, als Pina Bausch zum ersten Mal in Tokio gastierte. Ihr Besuch war ein Schock für Teshigawaras Landsleute. Und dann starb noch Tatsumi Hijikata, der Gründer des japanischen Butoh-Tanzes. 1986 begann im japanischen Tanz eine neue Zeitrechnung: Japan exportierte nicht mehr nur, Japan öffnete sich. Ob das Berliner Staatsballett in Tokio gastiert oder das Tokyo Ballet 2010 in Berlin auftritt: Im Ergebnis sind sich Ost und West immer ähnlicher geworden.

Jetzt zur Eröffnung beim Festival Tanz im August im Haus der Berliner Festspiele, zu Saburo Teshigawaras „Mirror und Music“, wird es kaum anders sein. Im Stück erklingt jede Menge europäische Barockmusik, von Arcangelo Corelli bis Dietrich Buxtehude. Der Barock ist Japan so vertraut wie uns die alte Kaiserstadt Kyoto mit ihren Steingärten. Nichts ist mehr fremd. Schon gar nicht ist es Teshigawara und seine Kompanie Karas (zu Deutsch: der Rabe). 1991 sorgte Saburo Te­shigawara im einstigen Theater Am Turm in Frankfurt am Main für helle Aufregung. Da tanzte einer auf scharfkantigen Spiegeln, schnitt sich aber nicht blutig, sondern stocherte mit fahlem Gesicht souverän in spitzen Scherben. „Bones in Pages“ hieß das Meisterwerk. Anders als die Punks seiner Zeit interessierte Teshigawara nur das: „Ich habe nicht um des bloßen Risikos willen auf Glasscherben getanzt, sondern weil ich dabei etwas schmelzen fühle, etwas Zartes und Wichtiges, etwas, das unmittelbar mit meinem Körper zu tun hat. Mein Eindruck ist, dass auch der Körper sich transformiert.“

William Forsythe lud Teshigawara prompt ans damalige Ballett Frankfurt ein. Das Festival Dance in München entdeckte Teshigawara, später choreografierte er am Bayerischen Staatsballett einen „Sacre du printemps“. Schon hob sich der alte Gegensatz zwischen Ballett und Avantgarde, und auch der zwischen West und Fernost ein Stückchen auf. Nur die Sache mit den Glasscherben blieb sehr fremd. Genau darum geht es Teshigawara auch: um dieses Fremde und wie man damit umgeht. „Entscheidend ist, sich nicht zu wehren, entscheidend ist, wie man es akzeptiert. Ich habe auf Glas gekniet, ich habe mich da­rauf gelegt oder hineingebissen, nicht, um mich der Gefahr auszusetzen, sondern um zu zeigen, dass man behutsam damit umgehen muss wie mit einem Baby oder einem hauchdünnen Papier. Dann wird man sich auch nicht verletzen, selbst wenn man es mit scharfen Kanten zu tun hat.“

Sich nicht zu verletzen, das ist die Assimilationsleistung an jede fremde Kultur. Nicht anecken. Teshigawara ist fraglos der Häuptling der Integration. Auch sein jetziges, 2010 entstandenes „Mirror and Music“ klingt nach Spiegelscherben. Aber es gibt keine. Hier soll die Musik einen Spiegel darstellen. Der Mensch tanzt, aber nicht durch die Musik. Der Körper spiegelt nur die Musik. Dieses kalte Spiegeln kann man in Teshigawaras Worten „mit einem Temperatursturz vergleichen. Es ist wichtig zu sehen, ob der Körper die physikalische Veränderung in sich aufnehmen kann, die beispielsweise durch ein plötzlich lauter werdendes Geräusch verursacht wird.“ Er mag Techno und Ambient. Und er mag’s auch wieder leise: barockes Cembalo auf Zimmerlautstärke.
Es ist ein Wechselbad: mit dem schnörkellosen Tänzer Teshigawara, seiner Partnerin Rihoko Sato und sechs weiteren Tänzern, die in einem von schweren Schatten umstellten Raum unsere Augen dazu zwingen, sie wie mit einem Seziermesser anzusehen. Es herrscht Clubatmosphäre. Der Blick ist getaktet, das Licht blitzt, darum zucken die Tänzer unter ihren Kapuzen – dabei stehen ihre Körper völlig still. Teshigawara tanzt bitterzart zu tropfenden Klaviernoten die barocke Musik. Aber es gibt keine höfische Folgsamkeit zum Menuett. Diese Musik ist Geschichte, gleich weit entfernt von unserem wie vom japanischen Denken. Gemeinsam betrachten wir die Vergangenheit wie fünf Tänzer, die nun kopfüber daliegen, wie Insekten aufgespießt.

Text: Arnd Wesemann, Mitarbeit: Akiko Tachiki
Foto: Sakae Oguma

Mirror and Music
im Haus der Berliner Festspiele,
Fr 10. + Sa 11.8, 20 Uhr,
Karten-Tel. 25 90 04 27

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