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„Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ an der Schaubühne

Sind wir alle Arschlöcher, wie Regisseur Milo Rau es per Manifest in der Schweizer Sonntagszeitung rausgehauen hat? Zumindest kann uns diese Frage nicht am Arsch vorbeigehen – nach diesem Theaterabend weniger denn je. Arschlöcher – das ist nicht küchenpsychologisch auf unsere gefühlsduseligen first world problems bezogen; hier geht’s um Leben und Tod. Etwa um den Kongo, wo man seit 1994 kämpft, auch damit wir unser Koltan kriegen. Ein Stückchen Kongo trägt jeder mit sich in seinem Smartphone herum – während wir uns der Illusion hingeben, doch die Guten zu sein. Spätestens jetzt, wo wir Geflüchteten helfen.
Fairerweise nimmt Milo Rau sich selbst da gar nicht aus, sondern lässt auch das Dokumentartheater, dessen Star er in Europa ist, in keinem guten Lichte leuchten: Die schwarze Schauspielerin Consolate Sipйrius, die eine schwarze Schauspielerin spielt, darf nur in den ersten Minuten vom Völkermord 1993 in Burundi erzählen. Dabei sitzt sie am Laptop und zeigt brav wie zum Beweis ihre Pass. Ihre Eltern wurden massakriert, sie selbst in der belgische Provinz adoptiert.
Und schon übernimmt Ursina Lardi ihren abendfüllenden Part des Doppelmonologs am Rednerpult. Ihr Gesicht wird in Close-Up gefilmt und riesig projiziert. Blond und im blauen Kleid ist Lardi auch im trümmerhaften Bühnenbild sichtlich die Bio-Nord-Europäerin. Auch sie spielt eine Figur, die man leicht mit ihr selbst verwechseln könnte: eine Schauspielerin, die mit „dem Regisseur“ auf Dokumentartheater-Reise in die Flüchtlingscamps Europas fuhr.
Die netten jungen Männer dort würden alle wie Hipster aussehen, die Lager seien leichter zu organisieren als ein ACDC-Konzert und das Foto vom toten Flüchtlingsjungen Aylan habe sie noch nie gesehen, versichert sie, bevor „der Regisseur“ es unbedingt ins Stück integrieren wollte. Sie wedelt so unbewegt damit rum, als sei das ein Schnappschuss aus dem Ferienfotoalbum. Und doch: Später erfahren wir: Diese Frau ist deshalb so ätzend unterkühlt, weil sie durch anderes Grauen ertaubt ist: Sie war mit 20 eine NGO-Mitarbeiterin am Rande des Kongokrieges. Beethovens 7. Sinfonie stellte sie auf ohren­betäubende Lautstärke, um sich selbst vor dem Wahnsinn zu bewahren.
Dass ihr das sowas von gar nicht gelungen ist, spielt Lardi kongenial. Wir wollen diese Frau trösten, wenn sie traumatisiert in die Trümmer nässt, und in die viel zu breit lachende Fresse schlagen, wenn sie ihre ich-bezogenen, latent rassistischen Sprüche schwingt. Bis wir merken: Diese Frau – das sind wir. Wir müssen unser Leben ändern. Doch.   


Text:
Stefan Hochgesand

Foto:
Daniel Seifert

Schaubühne Karten-Tel.: 89 00 23

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