Theater

Mitmachtheater – Geißel der Menschheit

Die schönen Zeiten sind vorbei. Das Mitmachtheater erhebt wieder sein grauenvolles Haupt. Was lange Kindergärten, psychiatrischen Kliniken und Anthroposophen vorbehalten war und den normalen Theatergänger nicht weiter belästigte, macht sich auf den Bühnen breit wie eine ansteckende Krankheit. Das Problem ist nicht nur, dass das Mitmachtheater zu regressivem Kuscheltum neigt und die Vorstellung, bei Theater könnte es sich um eine intelligente Kunstform handeln, mit jeder Minute ad absurdum führt. Das Problem ist die fröhliche Distanzlosigkeit, das vorzivilisatorische Kampfduzen, mit dem das Mitmachtheater den Besucher belästigt und alle Schönheiten und Kompliziertheiten der Theaterkunst gegen ein klebriges Wir-Gefühl eintauscht.

Die Mitmachhölle dieser Saison fing an mit einer Installation der skandinavischen Gruppe Signa, bei der sich der bedauernswerte Zuschauer in einen Patienten verwandeln und belanglose Nulldialoge über sich ergehen lassen musste. Zur Belohnung durfte man Kinderspielzeug auf einem Tisch arrangieren und sich über das dankbare Gemüt von Mitspielern wundern, die sich für keine Dummheit zu schade waren.

Das Elend ging weiter mit einer Inszenierung von Helena Waldmann, bei der die Zuschauer Tiermasken aufsetzen und kleine Tiere basteln durften – Ringelpiez mit Theoriesoße. Für die nächste Zumutung sorgten die sonst so geschätzten She She Pop mit einem inszenierten Familienfest im HAU (Foto). Die armen Besucher mussten an einer Festtafel Platz nehmen und soufflierte Reden nachsprechen. Dazwischen gab es unbeholfene Tanzeinlagen. Am liebsten hätte man sich vor lauter Peinlichkeit unter dem Tisch verkrochen. Was dem Event-Spießer der Urlaub mit grenzdebilem Animationsprogramm, scheint dem Szene-Spießer das Mitmachtheater zu sein – ein denkfreie Zone, in der man sich in einen selig lächelnden Erlebniskonsumenten verwandelt. Reflexion muss nicht sein, das Leben ist hart genug. Das Elend nimmt kein Ende. Zum Theatertreffen ist die Gruppe Signa mit einer großen Installation einer künstlichen Stadt eingeladen, durch die Zuschauer dann laufen können wie durch ein Subkultur-Disneyland. Aua.

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