Partizipatives Theater

Mittendrin statt nur dabei

Immer mehr Freie Produktionen setzen auf teilnehmende Spielformate. Jetzt kommen im Theaterdiscounter und den Sophiensaelen gleich zwei Inszenierungen zur Premiere, die den Zuschauer zum Mitmachen auffordern

Foto: Gog/Magog by Internil

Partizipatives Theater ist selbstverständlich geworden in der Freien Szene. Teilhabe, Co-Kreation und die Forderung „Get involved“ waren die Antwort auf die Massenkultur des 20. Jahrhunderts, die den Einzelnen lediglich als Konsumenten ansprach. Die Freien Künste rea­gierten schon in den 60er-Jahren darauf – mit Happenings, Fluxus, den Aufführungen der postdramatischen Gruppen ­Living Theatre und Wooster Group. Inzwischen sind es Facebook, Youtube und die diversen App-Stores, die ihre Nutzer zu „Prosumenten“, zu produzierenden Konsumenten, machen.

Doch auch die freie darstellende Kunst behauptet wieder zunehmend das Terrain des Partizipativen und setzt den Zuschauer mitten hinein ins Bühnengeschehen. In den Auftaktproduktionen der neuen Reihe „Immersion“ ließen die Berliner Festspiele im Oktober das Publikum in künstliche Welten eintauchen und vom Beobachter zum passiven Akteur werden. Kürzlich erst setzten die Sophiensaele in der interaktiven Performance „Verschwörung der Idioten“ ihr Pub­likum in einen subversiven Markt der idiotischen Möglichkeiten hinein. Und in dieser Woche kommen gleich zwei Produktionen zur Premiere, die den Zuschauer zur interaktiven Teilnahme auffordert.

In ihrer Performance „Gog/Magog 1: Ukraine“ lädt die Gruppe internil ihr Publikum rund um ein Lagerfeuer in einem künstlerisch gestalteten Militärlager mitten im Theaterdiscounter ein. Bezugspunkt ist der Ukraine-Konflikt. Dieser Krieg in der östlichen Randregion Europas ist angesichts des medialen Syrien-Fokus arg in den Hintergrund geraten. Für Regisseur Arne Vogelgesang wurde er beim Lesen des neuen Weißbuches der Bundeswehr auf neue Weise interessant. Denn das Weißbuch verortet deutsche Sicherheitsinteressen vom Baltikum über den Nahen Osten bis hin zum Hindukusch und zum Horn von Afrika. „Natürlich können wir nicht alles bearbeiten und mussten uns auf ein paar Kerngebiete beschränken“, sagt Vogelgesang.

Das Zwei-Jahresprojekt „Gog/Magog“ beginnt in der Ukraine, führt dann nach Syrien und Israel/Palästina und kehrt schließlich ins Herz Europas zurück. Vogelgesang, der sich zuvor theatralisch mit rechtsextremen und islamistischen Radikalisierungen auseinandersetzte, hofft, dass Kerneuropa noch steht, wenn er seine vollendeten Krisenszenarien im Sommer 2018 präsentiert.
Im aktuellen Ukraine-Stück kann das Publikum unter anderem einzelne Zelte aufsuchen, um dort bestimmte Einblicke in den Konflikt und in die Mobilisierungsstrategien der einzelnen Konfliktparteien zu erhalten.

Eine aktivere Rolle ist ihm in den Sophiensaelen bei „Der Prozess 2.0“ von Interrobang vorbehalten. Da stiefelt man, geleitet von Zitaten aus „Der Proceß“ von Franz Kafka, durch ein echtes Labyrinth. „Die Besucher erhalten auch einzelne Aufträge und treten in Interaktion zueinander“, verspricht Interrobang-Gründer Till Müller-Klug. Dabei hinterlässt man Spuren, die später ausgewertet werden.

Müller-Klug interessierte am düsteren Bürokratie- und Justizroman Kafkas vor allem der Aspekt, dass die verurteilende Instanz ins Innere des jeweiligen Angeklagten gerückt ist. „Kafkas Protagonist K. geht freiwillig mit. So, wie es Kafka beschreibt, ist es zuweilen sogar K., der den Richter und die Polizisten führt“, meint er – und sieht darin die heutigen Aspekte von Eigenverantwortung und Selbstoptimierung vorgezeichnet: „Heutzutage ist doch jeder der unerbittlichste Richter seiner selbst. Selbstverantwortung bedeutet, dass man selbst schuld ist an allem Scheitern, beruflich wie privat. Denn man hat die Chancen nicht genutzt, sich nicht genug angestrengt, die falschen Freunde gehabt oder sich nicht rechtzeitig getrennt.“

Das ist natürlich eine feine Herrschaftstechnik. Ging es in den 60er- und 70er-Jahren noch darum, die Verhältnisse zu ändern, so soll man sich jetzt selber ändern; Therapeut und Motivationstrainer sind an die Stelle der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder der Stadtguerrilla getreten.
Beim „Prozess 2.0“ wird die Partizipation noch auf die Spitze getrieben. Denn wer sich beteiligt, beteiligt sich letztlich an der eigenen Verurteilung. Das wäre dann Partizipation 3.0 im digitalen Selbstkontrollstaat.

Theater­discounter „Gog/Magog“: 26. – 28.1., 20 Uhr Eintritt 13, erm. 8 €

Sophiensaele „Prozess 2.0“:  26. – 28.1., 31.1., 1. + 2.2., 20 Uhr Eintritt 14 , erm. 9 €

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