Theater

„Moskau Tscherjomuschki“ im Schiller Theater

Neco_CelikHerr Celik, Sie inszenieren für die Staatsoper „Moskau Tscherjomuschki“, eine wenig bekannte musikalische Komödie von Dmitri Schostakowitsch. Um was geht es in der 1959 uraufgeführten Oper?
Es geht um Menschen, denen der kommunistische Staat Hoffnung gemacht, neuen Wohnraum und ein besseres Leben versprochen hat. Die Menschen müssen erfahren, dass sich die Mächtigeren die guten Wohnungen nehmen. Das treibt Schostakowitsch auf die Spitze. In einer Inszenierung sind viele russische und deutsche Jugendliche aus Charlottenburg dabei. Zu Charlottenburg sagte man ja schon in den 20er-Jahren „Charlottengrad“, weil so viele Russen, die vor der Revolution geflohen waren, hier lebten, das ist jetzt wieder ähnlich. Vermutlich haben sie sich Deutschland auch schöner vorgestellt, jetzt sind sie in deutschen Plattenbauten untergekommen.

Bringen diese Jugendlichen ihre eigenen Geschichten in Ihre Inszenierung ein?
Das weniger, aber wir benutzen die russische Sprache, und die ist ja ein Teil ihrer Biografie. Der Stoff der Oper, den wir erzählen, sind die 50er-Jahre – letztendlich sind wir weit davon entfernt, also versuchen wir Verbindungen zu unserer Zeit zu finden. Aber wir halten uns an das Libretto und versuchen, die Jugendlichen für diese Geschichte zu sensibilisieren. Es ist doch gut, wenn diese Jugendlichen auch etwas von der Vergangenheit erfahren, statt dass wir im Theater oder in der Oper nur ihre Biografien ausbeuten.

Sie haben in Kreuzberg Underground-Filme gedreht und am HAU ein Stück wie „Schwarze Jungfrauen“ inszeniert. Was ist der Unterschied, wenn Sie jetzt an so einem großen reichen Haus wie der Staatsoper arbeiten?
Der Druck ist groß, die Erwartungen sind groß – alles ist eben größer, ich freue mich, dass ich jetzt hier bin. Ich inszeniere in der kleinen Werkstatt, es ist eine echte Herausforderung, so ein riesiges Stück dort zu zeigen. Dafür ist das Publikum unheimlich dicht am Geschehen, das macht es sicher spannend. „Moskau Tscherjomuschki“ ist nach „Gegen die Wand“ in Stuttgart meine zweite Opern-Inszenierung, und seit dieser Arbeit interessiert mich Musiktheater. Mich hat Musik immer emotional sehr berührt. Es ist auch ein großer Kampf, mich da hineinzubewegen und letztlich zu entdecken, dass es mich trägt. Und die Musik von Schostakowitsch ist toll, voller Anspielungen und Zitate, auch voller Ohrwürmer.

Stimmt es, dass die Staatsoper zuerst wollte, dass Sie wieder „Gegen die Wand“ inszenieren?
Das war ein Vorschlag, ja. Aber ich bin Regisseur, nicht nur ein Spezialist für Migrations-Themen. Meine Biografie, die Herkunft meiner Eltern, ihre Migration aus der Türkei nach Deutschland – das ist ein Reichtum, aber den muss ich jetzt nicht für eine Regie-Arbeit ausbeuten. Aber auch Schostakowitsch erzählt von der Fremdheit, natürlich kommt mir das auch bekannt vor. Und den Kampf um Wohnraum, von dem Schostakowitsch erzählt, den erleben wir gerade in Kreuzberg, direkt vor meiner Haustür.     

Interview: Peter Laudenbach

Moskau Tscherjomuschki
Staatsoper im Schiller Theater – Werkstatt,
u.a. am 2., 5., 6., 9., 11., 13.5., 19 Uhr, 4., 8., 15.5., 11 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

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