Theater

„Move Berlim“ im Hau

BrasilMoveBerlimDie beiden „move berlim“-Kuratoren, der Tänzer Wagner Carvalho und der Tanzdramaturg Björn Dirk Schlüter, haben mit ihrem Festival  des neuen brasilianischen Tanzes eine These immer wieder erhärtet: Jedes Klischee über Brasilien ist wahr. Das Land ist zu groß, die Menschen zu arm, die jungen Frauen und Männer zu schön, um nicht an Sex zu denken. Aber: Sie sind keine Opfer. Seit Antritt der Regierung Lula in Brasilien 2001 gibt es „move berlim“, zu Deutsch: „Bewegt Berlin.“ Wie auch die in Brasilien regierende Arbeiterpartei will „move berlim“ die Sache mit dem Opfer klären: „Wer in Berlin ein Ausländer ist“, sagt der Brasilianer Wagner Carvalho mit seinem in die Jahre kommenden Afrolook, „übersieht natürlich nicht, dass in Berlin die kulturelle Vielfalt vor der Tür steht.“ Auf ihn wirkt es, als sei der Zirkus in der Stadt.

Der Choreograf Marcelo Evelin kommt mit seinem neuen Stück nach Berlin. Er hat im HAU schon „Bull Dancing“ gezeigt, nun kämpft er seinen „Krieg im Sertao“ weiter, das Blutvergießen Ende des 19. Jahrhunderts zwischen versklavten Schwarzen und dem Klerus mit seinen Großgrundbesitzern, bei dem zwei Systeme, das der westlichen Macht und das des Rechts auf Unversehrtheit, in einem Schlachthof endeten, auf Brasilianisch: im „Mataduro“, dem Titel des Stücks. Evelin setzt acht Tänzer gegen Franz Schuberts Streichquintett in C-Dur in Bewegung – kein Zuckerschlecken, diese Eröffnung von  „move berlim“.
„Wer verspeist hier wen?“, fragt Wagner Carvalho. Werden Künstler von den Intellektuellen vereinnahmt, werden Ausländer  von Inländern benutzt, ohne eine andere Gegengabe als die der Duldung? Werden brasilianische Künstler aus den fernsten Provinzen, die Schlüter und Carvalho durchkämmt haben, aus Piaui, Alagoas und Rio Grande do Norte,  engagiert, um uns zu zeigen, welcher Gruppenzusammenhalt durch Armut entsteht? Oder ist ihre Kunst viel zu stark, um von  europäischen Projektionen vereinnahmt zu werden?

BrasilMoveBerlimBjörn Dirk Schlüter erzählt von Evelins Kampf im armen Bundesland Piaui, das nach wie vor feudal regiert wird. Die Jugendlichen, die in seinem Zentrum Tanz lernen, die auftreten, reisen und von einem brasilianischen Ölmulti unterstützt werden, verdienen mehr als ihre Eltern als Landarbeiter. Diese Förderung als „Kulturinvestition“ hebt den Stolz, der durch gewaltige Konkurrenz verschärft wird. Tanzen in Brasilien dient dem Überleben, direkt und unmittelbar. Bei Evelin erlebten Schlüter und Carvalho keine verkopfte Reflektion über Kunst, sondern rigorose Kritik, die manchem Tänzer moralisch die Unterhose auszog. So wie sie sich unverhohlen gegenseitig kritisieren, wäre jeder Berliner Tänzer ausgestiegen. In Brasilien ist es dagegen ein Kampf um die Ehre der Gruppe, um ihr Können, damit sie an Geld kommt, „mit einem unvergleichlichen Gefühl von Solidarität, das sie zusammenschweißt“, sagt Schlüter. Diese Härte spiegelt sich auch in der Härte der Stücke: die Klischees von Sex, die Zurichtungen des Körpers durch die Schönheitserwartungen, die Bilder der Medien, die unser Verhalten konditionieren – darum geht es im brasilianischen Tanz.

Text: Arnd Wesemann

Foto: Ines Correa

Move Berlim HAU 1-3, 7.–17.4, www.moveberlim.de

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