Theater

Mozarts Requiem im Radialsystem

Requiem_von_Andreas_BohdeDie Katastrophe hat bereits stattgefunden: Ein Berg kaputten Konzertsaalmobiliars
beherrscht die in fahles Licht getauchte Bühne, als habe gerade ein Tsunami die
ganze bürgerliche Klassikkultur verwüstet und nur die vier Sänger und eine
Handvoll Musiker verschont. In eine düstere Szenerie versetzt Andreas Bode
Mozarts „Requiem„, das diese scheinbar wahllos zusammengewürfelte
Schar dann irgendwann zögerlich anzustimmen versucht. Ein quälender Prozess der
Wiederaneignung kommt in Gang, bei dem jeder Moment der Harmonie ein Schritt zur Überwältigung der seelischen und physischen Barrieren ist, mit denen die Überlebenden kämpfen.

Die Bitte für die ewige Ruhe der Verstorbenen wird mit einem Mal nicht nur zur
Trauerarbeit, sondern auch zum Versuch, aus den Trümmern der Mo­zartschen Musik
etwas Neues zusammenzusetzen, sich mit ihrer Hilfe in eine ungewisse Zukunft
voranzu­tasten. Mit solchen Produktionen hat sich Andreas Bode in den letzten Jahren als Extremist der Opernszene profiliert. Ähnlich wie David Marton, dessen „Lulu„-Inszenierung gerade als Gastspiel an der Volksbühne zu sehen war, schabt der 36-Jährige mit seiner freien Operntruppe die klassischen Stoffe immer wieder bis auf die Knochen ab. Übrig lassen Bode und seine für die musikalische Einrichtung verantwortlichen Kompagnons Tobias Schwencke und Titus Engel nur, was sie wirklich brauchen. Und das ist im Fall des Mozart-Requiems noch weniger als bei ihrer Produktion von Monteverdis „Orfeo„, die 2007 ebenfalls als Gastspiel im Radialsystem zu sehen war.

Auch im „Requiem“ fehlt der große Apparat von Chor und Orchester. Nach der Kata­strophe gibt es kein funktionierendes Kollektiv mehr, und die Solisten werden nur durch die Instrumente unterstützt, die scheinbar zufällig da sind: Bratschen und Klarinetten, eine Elektro-Orgel und eine E-Gitarre. Fehl am Platz wirkt da noch der Dirigent, der irgendwann auftaucht und so tut, als könne er
einfach weiter machen wie vorher, deplatziert auch die Konzert­roben, die den Sängern auf der Haut zu brennen scheinen. Was übrig bleibt ist dennoch Mozart: Ohne Pomp und Feierlichkeit, aber voller Hoffnung, Zweifel und Aufbegehren. Und mit der Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende ist.

Text: Jörg Königsdorf

Foto: Wolfgang Unger

Mozart Requiem

im Radialsystem Holzmarktstraße 33, Mitte,

11.+12., 14.+15.3., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren