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Münchner Kammerspiele auf dem Theatertreffen in Berlin

Gesaeubert_MuenchnerKammerspieleWenn es um das Ticket nach Berlin ging, konnten die Münchner Kammerspiele unter ihrem vormaligen Intendanten Frank Baumbauer ein ganzes Jahrzehnt lang vom Frühbucherrabatt profitieren. Das Haus hatte einen Stammplatz beim Theatertreffen, und Baumbauer war der Rekordnationalspieler des Festivals. Unter ihrem Nachfolger, dem Niederländer Johan Simons, mussten die Kammerspiele im vergangenen Jahr eine Runde aussetzen – umso größer die Freude in München, dass sie jetzt sogar mit zwei Inszenierungen vertreten sind.

Johan Simons eröffnet mit seinem dreistündigen Sarah-Kane-Abend das Theatertreffen. Mit der Inszenierung ist ihm allemal eine Neubewertung des Werks der Schmerzensikone der jüngeren Dramatik geglückt, die sich 1999 im Waschraum einer Londoner Psychiatrie mit den Schnürsenkeln ihrer Doc Martens erhängte. Wer nun allerdings schwerstes Depressions-Theater erwartet, wird aufs Schönste enttäuscht. Simons inszeniert die drei letzten Stücke Sarah Kanes, „Gesäubert“, „Gier“ und „4.48 Psychose“, als überraschendes szenisches Triptychon. Er betrachtet sie als Stufen einer fortschreitenden Introversion, in deren Verlauf die englische Dramatikerin sich immer stärker löste vom In-Yer-Face-Naturalismus des Theater-Brit-Pop der neunziger Jahre, hin zu einer Bilderaustreibung. Simons macht diese Entwicklung nachvollziehbar, ohne sie jedoch formaldidaktisch nachzuzeichnen. Vielmehr findet er ganz unterschiedliche Spielweisen für jedes der Stücke und entdeckt in Kanes ariösen Klagegesängen eine abgründige Komik, die mitunter an Elfriede Jelinek erinnert.

Weise – und ein bisschen feige – belässt Simons die Gewaltexzesse von „Gesäubert“ im Reich der Zeichen. Das Stück ist eine radikale Versuchsanordnung über die Bedingtheit von Liebe und Schmerz. Dabei stellt die explizite Gewalt dieses Gruselschockers nur eine Chiffre für einen anderen Extremismus bereit: den des Gefühls. Und so platziert Simons sieben Schauspieler auf Stuhlreihen wie eine Schulklasse, die tödliche Prüfungen über sich ergehen lassen muss, um das Horror-Abitur zu bestehen. Simons erklärt die Qualen der rabenschwarzen Dystopie mit analer Pfählung und menschenfressenden Ratten а la Bret Easton Ellis zu unschuldigen Grausamkeiten eines Kinderspiels, Grand Guignol in der Krabbelgruppe, und spannt allenfalls die Zuschauer auf die Folter, wenn Thomas Schmauser als Jesus-Freak mit Zottelbart in Zeitlupe die Perlen auf einem Abakus abzählt.

Wären die Schauspieler nicht so großartig in ihrer Gratwanderung zwischen entfesseltem Spieltrieb und hochfeiner Überhöhung – ihre Münchner Kindlerei könnte einem gehörig auf die Nerven gehen. Nach dieser breit ausgespielten Regressions-Trockenübung wirkt „Gier“, der zweite Teil, um so erfrischender. Hier ist das eine temporeiche Sprechpartitur für vier Schausprecher, in der dysfunktionale Kommunikation zur rasant übersteuerten Sitcom wird. In einem furiosen Pingpong d’amour werfen sich die vage als zwei Paare identifizierbaren Wortakrobaten lose Erinnerungssplitter an erlittenes Herzeleid zu. Im rasenden Leerlauf dieser Gefühlsausbrüche wird die unüberwindliche Nähe, um die es geht, selbst performativ.
Am Ende durchweicht ein feiner Sprühregen die weißen Lampions, die wie Röhrenpilze im Schnürboden wuchern und ein fauliges Odeur verströmen – semiotischer Edelschimmel für Theater-Feinschmecker. München feuchtet. Das Papier löst sich auf, zurück bleiben rohe Metallskelette, die als Grabkreuze in der Luft hängen, ein Friedhof des Himmels. Darunter haben nun fünf Streicher und eine Pianistin mit ihren Instrumenten Platz genommen. Simons verfeinert „4.48 Psychose“, diesen Schwanengesang aus der Psychiatrie, zum elegischen Kammerkonzert im Dialog von Musik- und Sprechpartitur. Dessen Lyrismus bringt Thomas Schmauser, den Text dieser, so Kane,  „Solosymphonie“, vor sich auf einem Notenständer, mit größter Intensität und Ungeschütztheit wortmusizierend zur Geltung, assistiert von Sandra Hüller als kühlem Vamp im nachtblauen Abendkleid.

Erst im letzten Teil lässt Simons ein Pathos zu, das er zuvor, mal kühl, mal komisch unterläuft – hier scheint Kanes Wut geradezu wehrhaft geworden durch das Mittel der Distanz. Insgesamt ist es dem Regisseur gelungen, die Künstlerin Sarah Kane vom Grablichter schwenkenden Devotionalien-Kitsch zu erlösen, die vollgültige Autorin zu rehabilitieren, die in ihrer suizidal beglaubigten Aura fast verschwunden war. Insofern eine unbedingt verdiente Nominierung.
MacbethEine der Quellen, die in Sarah Kanes „Gesäubert“ eingegangen sind, ist Shakespeares bittere Crossdresser-Komödie „Was ihr wollt“. In beiden Stücken gerät die Geschlechter-Identität gründlich ins Wanken. Auch in seiner Tragödie „Macbeth“ spielt Shakespeare den Gender-Diskurs durch, und dass Karin Henkels Inszenierung hier ansetzt, macht sie schon klar, indem sie den schottischen Tyrannen mit einer Frau besetzt. Jana Schulz spielt Macbeth, der sich den Weg zum Thron freischießt, als angstschlotterndes Nervenbündel, dem die Pappkrone ein paar Nummern zu groß ist. Und doch bleibt nur er mit sich identisch, sämtliche anderen Figuren werden von fünf Schauspielern in mimischer Teilzeit übernommen. Weil sie antagonistische Rollen verkörpern – Katja Bürkle mimt sowohl die eiserne Lady als auch den Rächer des ermordeten König Duncans –, sind sie moralisch ambivalente Kippfiguren.

Zugleich wird damit die Handlung konsequent in Macbeth’ Innenleben – alles nur der Albtraum eines gründlich verwirrten Schizos: posttraumaische Belastungsstörung lautet der Befund. Zu Beginn feuert er imaginäre Schüsse auf seinen Sidekick Banquo ab – und tötet damit sein besseres Selbst. So sieht denn auch das Schloss aus wie ein Lazarettzelt, erinnern die androgynen Hexen in ihren Glitzer-Tutus an abgetanzte Revuegirls aus dem Fronttheater-Tingeltangel. Hingebungsvoll bemalen sie Macbeth mit Blut und machen schon mal den hämischen Liveticker zum Mord an Banquo.
Henkels Psychogramm eines Kriegsheimkehrers pathologisiert den Macbeth, allerdings fehlt es an einer klaren Idee, und einen Sog entfaltet die Aufführung schon deshalb nicht, weil es ihr an formaler Geschlossenheit mangelt: Zwischen Splatter-Ästhetik, szenischer Ermittlung – ein Studioset verweist auf die mediale Manipulation der Kriegsberichterstattung – und Beckett’schem Clownsspiel mit derben Klamauk-Einlagen verflackert der Abend wie ein Ideenblitz mit Wackelkontakt. Macbeth als blutige Travestie und mörderische Männerfantasie – das ist ein etwas schmaler, aber kein schlechter Ansatz, in dem Karin Henkels Inszenierung allerdings stecken bleibt. Das schottenrockt einfach nicht. Macbeth wird König sein, solange der Wald nicht gegen ihn vorrückt, prophezeien ihm die Hexen. Und führen ihn in die Irre. Da hat wohl nicht nur der König, sondern haben auch die Königsmacher des Theatertreffens vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen.

Text: Christopher Schmidt
Fotos: Julian Röder

Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose
Haus der Berliner Festspiele,
Fr 4., Sa 5.5., 19 Uhr

Macbeth
Haus der Berliner Festspiele,
Mo 7.5., 19 Uhr, Di 8., Mi 9.5., 19.30 Uhr,  
Karten-Tel. 254 89-100

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