Theater

Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel Murmel

MurmelMurmelIn seiner Jugend fand sich Herbert Fritsch irgendwann auf einer bayerischen Polizeiwache wieder und konnte beobachten, wie sich die Dimensionen erstaunlich verschoben. Die Wände bewegten sich wellenförmig, die Polizisten hatten fratzenhafte Gesichter und monströs große Hände. Der LSD-Trip, den der junge Mann vor einigen Stunden eingeworfen hatte, verrichtete sein Werk. Das Lysergsäurediethylamid bearbeitete die Synapsen  und öffnete die berühmten Pforten der Wahrnehmung, dass es eine Art hatte. Von diesem Trip hat sich das Fritsch-Theater erfreulicherweise bis heute nicht erholt: Ordentliches Theater mit gefälligen, kritischen Aussagen und schwerblütiger Bedeutungssimulation im BE-Stil ist von Fritsch nicht zu befürchten. Lieber macht er mit dem Theater das Gleiche, was damals das LSD mit seinem Gehirn gemacht hat: Er sorgt für einen Overkill an leicht wahnsinnigen Eindrücken, in dem sich die Frage nach dem Sinn von selbst erledigt.

Fritschs neue Inszenierung an der Volksbühne muss man ein paar Jahrzehnte und ein rasantes Künstlerleben später als ausgesprochen menschenfreundliche Fortsetzung seines damaligen LSD-Trips verstehen: „Murmel Murmel“ ist die beste Droge, die das Theater derzeit zu bieten hat. Die Suchtgefahr ist so hoch wie der Gute-Laune-Faktor. Nebenwirkungen und gesundheitliche Folgeschäden sind jenseits einer beschwingten Freude am Aberwitz nicht zu befürchten. Der Murmel-Show reichen 70 Minuten, um den Zuschauern das Hirn so durchzublasen, dass wir sie andere Theaterformen erst einmal verloren sind.  

Die Versuchsanordnung ist so simpel wie wirkungsvoll. Fritsch und seine grandiosen Schauspieler, Tänzer, Ganzkörperartisten und Musiker Ingo Günther, Florian Anderer, Matthias Buss, Werner Eng, Jonas Hien, Simon Jensen, Wolfram Koch, Annika Meier, Anne Ratte-Polle, Bastian Reiber, Stefan Staudinger und Axel Wandtke üben sich in größtmöglicher Werktreue und halten sich so sklavisch an ihre Textvorlage, dass selbst der amtierende Werktreue-Papst Peter Stein daneben wie ein wild gewordener Regie-Theater-Chaot wirkt. Ihre Vorlage sind die 176 Seiten „auf gebräuntem Papier“, auf denen der Fluxus-Künstler Dieter Roth die Partitur seines Theaterstücks „Murmel“ festgehalten hat. Alle elf Figuren heißen Murmel, alles was sie sagen, kommt mit einer einzigen Vokabel aus: „Murmel“. Minimalismus ist gar kein Ausdruck für diese Reduktion.

Wenn so lästige Krücken wie Handlung, Charaktere, Historisierung, Dialoge, Sinn oder gar ein Monstrum namens „gesellschaftskritische Relevanz“ wegfallen, bleibt das pure Spiel übrig, in diesem Fall logischerweise das Murmel-Spiel. Ganz stimmt es allerdings nicht, dass die Spieler sich völlig aus Raum und Zeit gebeamt hätten. Die bunten Kleider und hochgetürmten Frisuren der Damen, die grauen Anzüge, Hornbrillen und Hüte der Herren verweisen auf die adrett triste Kleinbürger-Angestellten-Welt der frühen Sechziger und die Tati-Filme, in denen genau diese geordnete Welt schön seltsam verrutscht.
Die Performer schließen ihr Murmel-Spiel mit den unterschiedlichsten Genres kurz.  Anne Ratte-Polle gibt die exaltierte Ausdruckstänzerin, die ihren „Murmel“-Text zu wilden Zuckungen von sich gibt, als wäre er das ultimative dadaistische Manifest und die Abrechnung mit allem, was in dieser Welt nicht stimmt. Aber auch als Opern-Szene samt Chor und diven-reifen Solisten, als leicht versaute Variante der Supremes, als Slapstick-Nummer in Unterhosen, als Fernsehshow aus den frühen Siebzigern, deren Stars gelegentlich von hysterischen Ausbrüchen heimgesucht werden, als lustiges Körpertheater, bei dem sich die Darsteller nonchalant aufeinanderstapeln, als Balz-Nummer, bei der das Paar in der Ansaugphase, schwupps, im Orchestergraben landet (in den sowieso ausgiebig und mit großer Begeisterung gefallen wird), oder auch als Tanz-Nummer im schön ausgelutschten „Pulp Fiction“-Stil lassen sich die Murmel-Choreografien variieren.

Mal erstarren die Performer mit aufgerissenem Mund, aus dem einfach kein „Murmel“ mehr kommen will, mal starrt Wolfram Koch wie ein wahnsinnig gewordener Stadttheater-Held hasserfüllt ins Publikum, um der Welt sein vernichtendes, sein endgültiges „Murmel!“ entgegenzuschleudern. Große Freude! Je sinnfreier das Spiel, desto virtuoser, präziser und aufs feinste durchgetimt müssen die Nummern sitzen. So ist dieser rasante, charmante Abendimmer auch ein sehr lässiges, artistisches Hochleistungstheater.
Dass das nicht in einzelne Nümmerchen zerfällt, sondern beträchtliche Sogkraft und die Kohärenz des autarken Kunstwerks entwickelt, liegt an der Bühne wie an der Musik, die, wie es sich für dieses psychedelische Gesamtkunstwerk gehört, keine Hintergrund-Dienstleister im Namen des Plots sind, sondern der Rahmen, der alles zusammenhält. In Ihrer Wirkung sind Bild und Klang, Bühne und Musik dem Spiel ebenbürtig. Fritschs Bühne ist so altmodisch wie futuristisch: nach hinten gestaffelte Gassen, aus  denen von oben und den Seiten Wände und Soffitten in kräftigen Farben hervorschießen. Der bewegliche Rahmen scheint wie ein abstrakter Organismus seine Eigendynamik zu entwickeln, die Darsteller mal zu erdrücken und zu verschlingen, mal ein irres Flackern zu erzeugen, als würden wir uns alle gerade in irgendeine vierte Dimension katapultieren.

Dem entspricht die kongeniale Musik, mit der der große Ingo Günther neben der Dramaturgin Sabrina Zwach zum Co-Autor des Abends wird. Zum live gespielten Marimbaphon dirigiert er das Ensemble wie ein kleines Stimmen- und Bewegungsorchester. Dazu spielt er seine elektronischen Samples ein. Sein Sound plündert Motown, die frühen Kraftwerk, Sun Ras Moog-Synthesizer, ein Sound, der klingt, als würde the incredible Jimmy Smith schwer effektverliebt an der Hammond-Orgel für ein sehr billiges B-Movie aus den frühen Sechzigern musikalisch Science-Fiction-Reisen in fremde Welten untermalen oder die psychotischen Zustände, in die die fehlgeleitete College-Jugend stürzt, wenn sie sich Haschisch spritzt.
Gerade als man denkt, dass es besser nicht mehr kommen kann, zündet Fritsch die nächste Stufe. Die begnadeten Performer verschwinden hinter einer Wand, wir dürfen ihnen als Schattenspiel beim Umziehen zusehen – und dann tauchen sie in bunten Ganzkörperkondomen wieder auf, Teletubbies from outer space, lauter Murmel aus dem All, die als irrwitzige Bildpunkte und Farbflecken durch die kinetische Plastik des Bühnenbildes tanzen, dass klar ist, was das Gesamtkunstwerk geschlagen hat.
Was für ein toller, gut gelaunter, irrsinniger Abend! Kein Wunder, dass der Papst seinen Ostersegen völlig zu recht immer „Urbi et Herbie“ erteilt, also der Stadt und Herbert Fritsch.

Text: Peter Laudenbach
Foto: Thomas Aurin
tip-Bewertung: Herausragend

Termine: Murmel Murmel
in der Volksbühne
Karten-Tel. 240 65 777

INTERVIEW MIT HERBERT FRITSCH

Mehr über Cookies erfahren