Theater

Musik von Witold Lutos?awski beim Musikfest Berlin

Witold_LutoslawskiAuch in Sir Simon Rattle steckt ein – durchaus britisches – Lästermaul. Über Witold Lutos?awski, so Rattle, hätten ihm die älteren Musiker der Berliner Philharmoniker (die der Komponist früher bisweilen dirigierte) erzählt: „Damals dachten wir, was für ein wundervoller Mann, aber was für schreckliche Musik.“ Heute dirigiert er ihn selber. Dass dem Polen Lutos?awski, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, ein gewichtiger Schwerpunkt des diesjährigen Musikfestes der Berliner Festspiele gewidmet ist, mag überraschen. Und doch ist selten ein Jahrestag so gelegen gekommen zur Neuentdeckung eines Komponisten.
Schon in der letzten Saison hatten Rattle und die Philharmoniker mit einigen überragend klangschmissigen, radikalen und schönen Werken von Lutos?awski für Erstaunen und Begeisterung gesorgt. Jetzt setzen sie die Beschäftigung mit dem Komponisten mit dessen 2. Symphonie (unter Rattle, 7. und 8.9) und seiner 4. Symphonie (unter Alan Gilbert, 12., 13. und 14.9.) fort. Als hätten sie was gutzumachen an ihm.
Vor allem ist es dem künstlerischen Leiter des Musikfestes, Winrich Hopp, gelungen, den grandiosen Mariss Jansons mit Lutos?awskis „Konzert für Orchester“ einzuladen (BR-Orchester, 6.9.). Außerdem Esa-Pekka Salonen mit der 3. Symphonie (Philharmonia Orchestra, 9.9.) und Anne-Sophie Mutter mit dem ihr gewidmeten „Chain II“ (Pittsburgh Symphony, 31.8.). Muss hier alles aufgezählt werden. Rechnet man nämlich noch Barenboim und die Staatskapelle mit „Mi-Parti für Orchester“ dazu, so kann dies als das hochrangigste Lutos?awski-Festival ever gelten.

Man darf sich freuen, dass Jubiläumsenergien einmal nicht auf vertraute Repertoire-Kandidaten wie Wagner oder Verdi verschwendet werden. Bei denen beschränken sich Festivals gerne darauf, sattsam besuchte Ruinen erneut zu betrachten und darüber zu sinnieren, dass früher ohnehin alles besser gewesen sei. Bei Lutos?awski ist es die erste Beschäftigungswelle, die über den Zwölfton-Sonderling und Aleatoriker hinwegrauscht. Wir rauschen mit.
Über den ausgeprägten Lutos?awski-Akzent kann das Musikfest dankbar sein. Traditionell leidet der Amts-Nachfolger der alten West-Berliner Festwochen daran, dass man zwar starke dramaturgische Zeichen setzen will. Aber die berühmten, teuren Orchester, die man einlädt, präsentieren doch lieber das, was sie im Tour-Bus ohnehin geladen haben. So kommt es, dass man mit einem Zyklus der Bartуk-Streichquartette zwar noch einen weiteren, sinnigen Schwerpunkt setzen kann (mit dem legendären Emerson String Quartet, 30.8., und dem Quatuor Diotima, 10.9.).

Im Übrigen erwecken die Zusammenstellungen den Eindruck eines eher kruden Sammelsuriums.
Etliche Benjamin-Britten-Splitter etwa (auch er feiert dieses Jahr seinen Hundertsten) lassen sich kaum mit dem Rest in Verbindung bringen. Einige späte Schostakowitsch-Symphonien (z.B. unter Teodor Currentzis, 2.9.) wirken wie Nachzügler aus vergangenen Jahren. Es scheint, als hätte man parallel an mehreren Konzepten gewerkelt. Und dann hätten plötzlich alle angefragten Künstler gleichzeitig zugesagt.
Bedauerlich auch, dass zwar das Konzerthausorchester, nicht aber das DSO, bei welchem mit Tugan Sokhiev einer der besten Neustarts seit Jahren zu begrüßen ist, wieder mit ins Boot geholt wurde. Immerhin: Für eine bloße Pralinenschachtel gibt sich das Musikfest erstaunlich nahrhaft. Auch lobenswert: Eine Stunde vor Beginn gibt es jedes Mal eine Einführung zum Thema.

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: L.Kowalski

Musikfest Berlin?
Philharmonie und andere Spielorte, ?Fr 30.8. bis Mi 18.9., jeweils 20 Uhr 
Karten-Tel. 25 48 91 00

 

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