• Kultur
  • Theater
  • Musikfest Berlin 2012 mit Schwerpunkt US-Nachkriegsmoderne

Theater

Musikfest Berlin 2012 mit Schwerpunkt US-Nachkriegsmoderne

John-adamsEine Menge Holz kommt wieder auf einen zu beim diesjährigen Musikfest Berlin. Zwischen dem 31.8. und dem 18.9. wird es 25 Veranstaltungen mit etwa 80 Werken von 30 Komponisten präsentieren, die von 24 Orchestern, Chören, Instrumental- und Vokalensembles und über 60 Solisten aufgeführt werden.
Inspiriert von den diesjährigen Präsidentschaftswahlen und dem  100. Geburtstag von John Cage ist ein thematischer Schwerpunkt des Festivals die zumindest die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmende amerikanische Moderne. Es wird viel von Charles Ives, Aaron Copland, Elliott Carter und Morton Feldman zu hören sein. Von Cage selbst wird am 12.9. im Kammermusiksaal der Philharmonie u.a. das 1976 anlässlich der 200-Jahres-Feiern der USA komponierte „Apartment House 1776“ zur Aufführung kommen.

Ein Höhepunkt des Festivals dürfte eine konzertante Aufführung von John Adams’ Oper ­„Nixon in China“ werden. Das 1987 in Houston uraufgeführte Werk gilt als die wichtigste US-amerikanische Oper der letzten Jahrzehnte. Sie ist allerspätestens mit ihrer Premiere an der Metropolitan Opera New York im letzten Jahr Teil des klassischen Kanons. In Berlin hat es tatsächlich bisher noch keine Aufführung der Oper gegeben. Das wird nun auf dem Musikfest nachgeholt. Und John Adams wird dabei das BBC Symphony Orchestra persönlich dirigieren.
„Nixon in China“ ist genau das, was der Titel sagt. Die Oper handelt vom China-Besuch Richard Nixons im Jahre 1972. Es treten auf: Nixon, dessen Ehefrau Pat, Mao Tse-tung nebst seiner Ehefrau Chiang Ch‘ing, der damalige chinesische Premierminister Zhou Enlai und Henry Kissinger. „,Nixon in China‘ war mit Sicherheit die erste Oper, die ein inszeniertes Medienereignis zur Grundlage ihrer Dramaturgie machte“, schreibt John Adams. Man kann sie ebenso sicher als Komödie sehen, in der längst auf den Status von Pop-Ikonen reduzierte überlebensgroße historische Persönlichkeiten wie Nixon und Mao in Paarreimen herzerfrischend aneinander vorbeireden und -singen.

Auch der musikalische Gestus besteht aus Travestien: Mahlersche Spätromantik trifft auf Minimal Music und Jazz-Zitate. Könnte man zusammenfassen, wenn man Taglines mag. Was John Adams ganz offensichtlich nicht tut. In einem entspannten Telefongespräch zur Frühstückszeit, neun Uhr morgens in Kalifornien, sagt er: „1987 wollten einige Kritiker nur so etwas wie eine Pop-Art-Oper gesehen haben. Nichts als Karikaturen und Travestien. Das ist natürlich völlig falsch. Das Li­bretto von Alice Goodman ist viel, viel tiefgründiger. Man erfährt darin viel über den Kapitalismus und den Prozess der Geschichte.
Auf die Bemerkung, dass eine reine Pop-Art 1987 ja sowieso bereits museal revivalhaft gewesen wäre, reagiert er mit einem sardonischen „Ach wissen Sie, in der Musik hinkt man ja immer ein bisschen hinterher.“

„Nixon in China“ ist hingegen seit seiner Entstehung erstaunlich frisch geblieben. „Fast scheint es mir so, als würde jedes Mal, wenn ‚Nixon in China‘ in den USA aufgeführt wird, auch irgendetwas Neues und Bedeutsames in den Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik passieren“, sagt Adams am Telefon. „Stellen Sie sich vor, zur Zeit des Vietnamkrieges standen wir praktisch an der Schwelle zum Atomkrieg mit China. 1990 gab es bei Peter Sellars’ Inszenierung in Los Angeles dann deutliche Bezüge zu den Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Und inzwischen sind die Chinesen unsere Geschäftspartner, quasi unsere Bankiers. Bei der Premiere von ‚Nixon in China‘ letztes Jahr an der Met war unter den Gästen auch Richard Nixons älteste Tochter Tricia Nixon Cox. Ich wurde ihr zwar bei der Gelegenheit nicht persönlich vorgestellt, aber man sagte mir, sie hätte ganz begeistert davon gesprochen, wie sehr ihr Mann, der einflussreiche Wirtschaftsjurist und Politiker ­Edward F. Cox, inzwischen geschäftlich mit Peking zu tun hätte.“
Wenn selbst Richard Nixons Verwandtschaft davon überzeugt ist, dann kann man dem ja wohl nicht widersprechen. 

Text: Andreas Hahn
Foto: Lambert_Orkis

Musikfest Berlin
31.8.–18.9.,

www.berlinerfestspiele.de, Karten-Tel. 254 89-100

Nixon in China
am Mo 10.9., 19 Uhr
in derPhilharmonie
,

 

INTERVIEW MIT THOMAS OBERENDER; DEM NEUEN INTENDANTEN DER BERLINER FESTSPIELE

Mehr über Cookies erfahren