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„Muslime werden in diesem Land weiter diskriminiert“

Was hat sich in den sieben Jahren seit Ihrer Uraufführung des Stücks verändert?
Na ja, Osama bin Laden ist tot – behaupten die Medien jedenfalls. Seine Gedanken leben ja offenbar weiter. Die Schwarzen Jungfrauen aus unserem Stück glauben nicht unbedingt an seinen Tod, weil sie wie alle Verschwörungstheoretiker den Mainstreammedien sowieso nicht trauen. Was sich in den letzten Jahren nicht verändert hat, ist, dass Muslime in diesem Land diskriminiert werden. Als Wulff sagte, dass die Muslime, die hier leben, zu Deutschland gehören, gab es eine große Aufregung, obwohl er nur etwas ausgesprochen hat, was selbstverständlich ist.

Wie es mit den Ressentiments der Deutschen aussieht, wurde deutlich, als sich ein offen rassistisches Buch über eine Million Mal verkauft hat, Sarrazins Sorgen um Deutschland. Heute gibt es in vielen europäischen Ländern erfolgreiche rechtspopulistische, islamfeindliche Parteien, in Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien, Griechenland. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?
Ich habe keine Angst, aber ich mache mir natürlich Sorgen. Man hat bei Sarrazin gesehen, wie viele Menschen auf diese plumpe Polemik reinfallen, man sieht das bei Le Pen in Frankreich, bei Blocher in der Schweiz, bei Geert Wilders in den Niederlanden. Natürlich ist es erschreckend, wenn in Skandinavien ein Rechtsradikaler Amok läuft und Jugendliche erschießt. Das sind die Dämonen, die jetzt erwachen.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Muslimen und deutscher Mehrheitsgesellschaft verändert?
Es gibt beides, es gibt Sarrazin, und es gibt viele Menschen, die ihm widersprechen. Aber mein Gefühl ist nicht, dass Deutschland ein toleranteres Land geworden ist. Und wen trifft es am meisten? Es sind die Frauen, die Muslima, die es am stärksten trifft, weil sie durch ihre Kopfbedeckung sichtbar sind. Sie müssen überall gegen Widrigkeiten kämpfen, sei es gegen den muslimischen Mann, der sie dominieren möchte, sei es gegen die Gesellschaft, die sie „befreien“ möchte und dabei keinen Respekt vor ihnen zeigt. Diese Frauen, die um ein selbst bestimmtes Leben kämpfen, sind Heroes, echte Heldinnen.

Es muss für eine gläubige Muslima aus einer Familie mit konservativen Wertvorstellungen anstrengend sein, in Berlin, mitten in einer sexualisierten Popkultur, zu leben und in der Pubertät die eigenen sexuellen Wünsche zu entdecken.

Eine der Schwarzen Jungfrauen in dem Stück sagt es ja: Gott, ich ficke, das schadet meinem Glauben nicht.

Das sieht möglicherweise nicht jeder Imam so.
Aber der Islam sieht es so. Dass ich ficke, schadet doch nicht meinem Glauben, ich bitte Sie. Gott sagt, fickt, aber seid respektvoll miteinander und einigt euch.

Sind das die Fragen, um die es jetzt bei Ihren Proben geht?

Die erste Frage bei den Proben war: Bist du religiös oder bist du nicht religiös? Schließlich geht es in dem Stück auch um Religion.

Und, sind Sie religiös?
Ich bin ein gläubiger Moslem. Ich bin in einer muslimischen Familie aufgewachsen. Man muss lernen, was das bedeutet, Muslim zu sein. Man muss sich bilden. Es reicht nicht, zu sagen, ich bin Muslim. Zum Islam gehört das Wissen. Gott will, dass wir lernen. Was der Islam ist, das differenziert sich. Es gibt einen Dorf-Islam mit viel Aberglauben, von dem wir auch in den „Schwarzen Jungfrauen“ hören. Es gibt den nüchternen Islam, der sehr klar und einfach und sicher nicht aggressiv ist.

Als gläubiger Mensch sind Sie im Theater vermutlich eine Ausnahme, oder?
Ja, sagt man so. Aber ich sehe manchmal, wie Theaterleute andere Sachen als Religion oder als Ersatzreligion nehmen, Erfolg zum Beispiel. Es wundert mich, wenn in einer gebildeten Gesellschaft wie der deutschen Menschen Angst oder Misstrauen entwickeln, nur weil jemand sagt, dass er gläubig ist. Das hat sicher mit all den Bildern und Diskursen zu tun, die in der Welt kursieren. Als meine Eltern aus der Türkei nach Berlin kamen, hatte niemand Angst, weil sie Muslime sind und meine Mutter ein Kopftuch trägt.

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Interview: Peter Laudenbach

Foto: MAI.FOTO / Ute Langkafel

Schwarze Jungfrauen
Maxim Gorki Theater, Fr 7., Do 27.2., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 1

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