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„Muslime werden in diesem Land weiter diskriminiert“

Neco Зeliks Inszenierung „Schwarze Jungfrauen“ war ein Schock: In dem halb dokumentarischen Stück von Feridun Zaimoglu und Günther Senkel sprechen junge, in Deutschland lebende Muslima über ihren Alltag, ihre teils drastischen Sex-Fantasien, über Aggression und Gewaltfantasien gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Das Stück sorgte bei deutschen Linksliberalen im Publikum genauso für Irritationen wie bei konservativen Türken: Theater nicht als Selbstfeier, sondern als Möglichkeit, komplexe Konfliktlagen sichtbar zu machen, ohne bequeme Antworten anzubieten.

Neco Зeliks glasklare und kluge Inszenierung am HAU markierte 2006 einen Beginn und frühen Höhepunkt des postmigrantischen Theaters. Seit dieser Spielzeit versteht sich das Maxim Gorki Theaters dezidiert als Bühne des postmigrantischen Theaters. Im Februar bringt Зelik seine Inszenierung dort noch einmal auf die Bühne.

Herr Зelik, weshalb zeigen Sie Ihre Inszenierung „Schwarze Jungfrauen“ sieben Jahre nach der Premiere jetzt am Maxim Gorki Theater?
NECO ЗELIK?er Text hat eine große sprachliche und inhaltliche Wucht. Das sollte man nicht einfach links liegen lassen und nach der Uraufführung vergessen, finde ich. Die Aufführung war einer der ersten größeren Erfolge eines Theaters der Migranten, das am HAU ein erstes Zuhause gefunden hat. Die „Schwarzen Jungfrauen“ machen es niemandem leicht. Gerade, wenn man Sympathie für sie entwickelt, stoßen sie einen wieder vor den Kopf. Sie geben einem die Hand, und dann ziehen sie sie sofort wieder weg. Sie spielen mit den Klischees, die wir über junge Muslima im Kopf haben, sie füttern diese Klischees und machen sich gleichzeitig höhnisch über sie lustig.

Man verlässt die Aufführung ziemlich ratlos. Liegt darin auch ihre Kraft?
Exakt. Deshalb wollen die Zuschauer ja nie gehen, die stehen immer im Foyer und fordern ein Gespräch ein, sie wollen darüber reden. Ich mag die vielen Partys am Gorki Theater, aber bin wirklich gespannt, ob die Leute nach so einem Abend Lust haben, Party zu machen.

Ist es sieben Jahre nach Ihrer Premiere mit „Schwarze Jungfrauen“, nach der Gründung des Ballhaus Naunynstrasse und der Neupositionierung des Gorki Theaters eine Selbstverständlichkeit, dass die Theater sich für Migranten öffnen?
Es wäre schön, wenn das an allen Theatern selbstverständlich wäre. Das Gorki-Theater ist ein Anfang, mehr nicht. Es geht nicht darum, dass es jetzt dieses eine Theater gibt. Eigentlich müsste es an allen Bühnen möglich sein, solche Geschichten zu erzählen. Die Theater müssten die Stadt widerspiegeln, und zur Stadt gehören viele Menschen, die aus anderen Ländern hierhergekommen sind. Ich habe das Gefühl, es gibt immer noch viele, die murren, wenn jetzt Leute wie Tamer Yigit oder Hakan Savas Mican oder ich Theater machen. Aber ich will gar nicht klagen. Der Widerstand macht einen auch stärker, daran sind wir gewachsen. Es ist ja nicht so, dass nur wir auf Widerstände stoßen, Frauen oder schwule Regisseure kämpfen genauso gegen Widerstände. Durch unsere Arbeiten haben wir gewisse Ästhetiken und Standards gesetzt. Jetzt ist eine neue Spielwiese entstanden, das Maxim Gorki Theater. Da spielt man mit anderen Spielregeln, das sind keine Experimente mehr, die wir im Hinterhof für uns selber machen. Jetzt sind wir auf dem Markt und werden mit anderen verglichen. Obwohl das Gorki das kleinste der Berliner Staatstheater ist, schauen jetzt alle sehr genau hin. Die Angriffsfläche ist natürlich größer als im kleinen Ballhaus Naunynstraße.

Ist es nicht ein Fortschritt, wenn Aufführungen im Maxim Gorki Theater mit den gleichen Maßstäben gemessen werden wie am Deutschen Theater, also ohne Sympathie-Rabatt?
Ja, natürlich, ich beschwere mich nicht. Das bedeutet Ebenbürtigkeit. Die Konkurrenz ist größer geworden, auch die interne Konkurrenz. Wir sind nicht mehr in der kleinen Nische, und das ist gut.

Misstrauen Sie dem Hype um das neue Gorki Theater?
Weshalb Hype? Das hat man ja beim Ballhaus Naunynstraße auch schon gesagt, dass das nur ein Hype sei. Aber das Ballhaus hat sich unheimlich gut entwickelt, neue Künstler sind dazugekommen, es entstehen neue Mischungen, zum Beispiel mit den Black- Power-Leuten. Die Diskursplattform am Ballhaus ist viel größer geworden.

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