Theater

My Fair Lady im Admiralspalast

My Fair Lady_Copyright David BaltzerDie kapitalismuskritischen Töne im Vorfeld der Premiere wären wirklich nicht nötig gewesen. Peter Lund, der mit seinen Musical-Inszenierungen an der Neuköllner Oper immer wieder vorgeführt hat, wie intelligent, subversiv und gegenwartsnah das scheinbar harmlose Unterhaltungsgenre sein kann, hat im Admiralspalast „My Fair Lady“ als touris­tenkompatiblen, glatt und perfekt auf Wirkung getrimmten Abräumer inszeniert. Das ist etwas flach und arg nett, aber als professionell gemachtes Entertainment, das nicht mehr sein will als lustig und jederzeit konsensfähig, und sei es um den Preis einer gewissen Biederkeit, funktioniert die Show. Das muss sie auch: „My Fair Lady“ ist die erste große Theatereigenproduktion des vor zwei Jahren mit vielen sehr großmundigen Ankündigungen gestarteten Admiralspalastes. Man könnte sagen: Man merkt der Produktion den kommerziellen Druck, den unbedingten Willen zur breitest möglichen

Verkäuflichkeit in jeder Szene an. Bei einem kommerziellen Genre wie dem Musical muss das kein Nachteil sein. Statt eines großen Orchesters sorgt eine Sieben-Mann-Kapelle für einen gefällig angeschrägten Sound – ein softer Modernisierungsschub, der der immer noch wirkungsvollen Musik von Frede­rick Loewe gut bekommt, eine Musik, deren smarte Ohrwürmer sich seit der Uraufführung des Musicals vor einem halben Jahrhundert erstaunlich frisch gehalten haben. Vom unverstellt reaktionären Plot kann man das nicht sagen: Die Geschichte vom exzentrischen Sprachwissenschaftler Henry Higgins, der mit einem Kollegen wettet, dass er Eliza Doolittle, die Blumenverkäuferin aus der Unterschicht, in sechs Monaten so dressieren kann, dass sie als Lady durchgeht, verkitscht die Härten der Klassengesellschaft.

My Fair Lady_Copyright David Baltzer
Die Distinktionsspiele der Upperclass schrump­­fen zu liebenswerten Schrullen, und am Ende verliebt sich Eliza, logisch, in Higgins. Daniel Morgenroth macht aus Higgings einen vor Eitelkeit triefenden Tatmenschen, einen in die Jahre gekommenen, nicht mehr ganz jugendlichen Liebhaber, der schwer von sich selbst begeistert ist. Das hat zwar mit der Rolle nicht das Geringste zu tun, aber angesichts des grobklotzigen Boulevardspiels Morgenroths ist das ohnehin egal: Charakterzeichnungen sind sowieso nicht Sache dieses Standbein- Spielbein- Routiniers. Ein anderes Kaliber ist Franziska Forster als Eliza: keine verträumte Prinzessin wie Audrey Hepburn in George Cukors hinreißender Verfilmung von 1964, sondern eine Burschikose mit kräftiger Stimme und beherztem Auftreten. Ihr ebenbürtig ist der tolle Udo Kroschwald als Elizas Vater, ein Knei­pen­philosoph mit Wampe und Wucht, mit proletarischem Witz und großem Bierdurst.

Lunds Figurenzeichnung ist meistens bedauerlich klischeenah und ein wenig arg vorhersehbar. Ihre grandiosen Momente hat die Inszenierung trotzdem: in den großen Tab­leaus, den gekonnt choreografierten Massen­szenen, beim Pferderennen oder beim Diplomatenball im Buckingham Palace. Wenn sich die Upperclass-Ladies in diesen Choreografien in prächtig ausstaffierte Schaufensterpuppen verwandeln oder die Diplomaten tan­zen wie aufgezogene Spielzeugfiguren treibt Lund seine Inszenierung in eine funkelnd überdrehte Künstlichkeit. Es sind Bilder, die entspannt und übermütig mit dem Genre spielen und das Musical aus allen öden Realismus­be­haup­tun­gen in einen bunten Pop treiben, dass es eine Freude ist. Allein wegen diesen Szenen lohnt die Inszenierung.

Text: Peter Laudenbach

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