Theater

„My Square Lady“ in der Komischen Oper

Es muss ein seltsames Gefühl sein, den eigenen Schöpfer dabei zu beobachten, wie er in golden glitzerndem Showjäckchen und mit der Inbrunst eines Crooners Robbie Williams’ „Feel“ performt. Der Sänger ist Manfred Hild, Professor für Neurorobotik an der Beuth-Hochschule für Technik, der weiß schimmernde Roboter Myon, der auf der Bühne der Komischen Oper aufmerksam und stumm Hilds Sangeskünsten folgt, ist sein Geschöpf. Was und ob überhaupt Myon dabei denkt oder gar fühlt, wissen wir nicht. Vorerst zeichnet er einfach Daten auf und folgt in seinen Beobachtungen den von Hild und seinen Kollegen programmierten Präferenzen. Licht, die Farbe Rot und Bewegungen mag er am liebsten. Hilds Forscherteam hofft, dass sich Myon irgendwann nicht nur selbstständig orientieren, bewegen und mit Menschen interagieren kann, sondern auch so etwas wie Empfindungen entwickelt. Statt Daten, also Informationspartikel, algorithmengesteuert zu speichern und zu verarbeiten, soll er so etwas wie Erfahrungen machen und aus ihnen lernen. Schließlich lernen auch wir von klein auf durch Erfahrungen und Gefühle: Herdplatte heiß, tut weh – lieber nicht noch mal anfassen.

Schon jetzt spricht Hild ganz unironisch von den Gefühlen des Roboters. Sind menschliche Reflexe, sozusagen biologische Programmierungen und das Produkt von ein paar Millionen Jahren Evolution, nicht auch so etwas wie subjektunabhängige, vom Bewusstsein nicht gesteuerte Automatismen? Was in der Entwicklung der Spezies Mensch Jahrmillionen dauerte, wollen Hild und seine Kollegen ähnlich in ein paar Jahrzehnten bei Maschinen mit künstlicher Intelligenz versuchen. Damit sind sie nicht alleine.
Rosalind Picard zum Beispiel, Professorin am Massachusetts Institute of Technology, einer der wichtigsten Hightech-Forschungseinrichtungen der Welt, hat am MIT Media Lab schon vor Jahren die Affective Computing Research Group gegründet. Ziel: Maschinen das Fühlen beizubringen und die Möglichkeiten von Mensch-Maschine-Schnittstellen so zu verfeinern, dass die Übergänge kaum noch spürbar sind. Das ist keine Esoterik, sondern harte Wissenschaft, Grundlagenforschung, deren Erkenntnisse zu durchaus praktischen Anwendungen führen. In Picards Labor entstanden zum Beispiel „die ersten computerisierten Brillen, die Google später zu seinen Google Glasses weiterentwickelte“, berichtet die „Welt am Sonntag“. Ähnlich wie Picard in den USA interessieren sich die Berliner Wissenschaftler um Manfred Hild dafür, wie Gefühle Entscheidungen prägen und Lernprozesse beeinflussen. Denn genau das ist eine der Aufgaben künstlicher Intelligenz: selbstständig Entscheidungen zu treffen und zu lernen.

Dass der autonom agierende, nicht ferngesteuerte Myon jetzt für drei Vorstellungen auf seine rätselhaft auratische, weil undurchdringliche Weise zum Star einer Musikperformance auf der Bühne der Komischen Oper wird, ist die Schuld von Gob Squad. Das Performerkollektiv war vor zwei Jahren bei der Langen Nacht der Wissenschaften von Fußball spielenden Robotern fasziniert und davon, mit welcher Begeisterung Zuschauer das verfolgt haben: großes Theater. Seitdem arbeiten sie mit Myon und seinen Schöpfern an ihrer Performance an der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Ohne Frage kann es Myon in puncto Bühnenpräsenz und Ausstrahlung locker mit den meisten Performern aufnehmen. Denn auch wenn Roboter – soviel wir wissen – noch keine Gefühle haben, können sie bei uns offenbar Gefühle auslösen, schon weil wir jederzeit projektionsbereit sind und in unserer Wahrnehmung vom Dackel bis zum Auto gerne alles Mögliche anthropomorphisieren. Legt Myon in der Show den Kopf ein wenig schief, wirkt er auf uns Anthropozentriker sofort traurig und versonnen. Mit einem traurig wirkenden Myon zu konkurrieren, dürfte viele Performer deutlich überfordern.

Bei der Premiere hat Myon keine Lust zu tanzen. Aber als ihm drei Sängerinnen eine Tonleiter vorsingen, imitiert er sie mit einer Computerstimme, an der Kraftwerk-Verehrer ihre Freude hätten. Der Versuch, ihm „I Sing the Body Electric“ aus dem Musical „Fame“ beizubringen, scheitert zunächst. „Das hätte er schaffen müssen“, ärgern sich seine Vorsängerinnen. „Er ist anders als wir.“ Vielleicht ist er auch nur langsamer. Oder seine Schöpfer haben ihm ein raffiniertes Gefühl für Timing einprogrammiert. Jedenfalls singt er das Lied vom elektrischen Körper dann doch noch, ganz am Ende der Show. Offenbar lernt Myon ein wenig eigenwillig durch Imitation. Der Dirigent Arno Waschk testet schon mal, ob ihn Myon in Zukunft ersetzen kann, und lässt ihn ein paar Takte dirigieren. Noch, man muss es so hart sagen, ist der Roboter als Dirigent ein überforderter, hilflos zappelnder, auf ein gnädiges Orchester angewiesener Dilettant – aber das waren die ersten Roboterstudien für die industrielle Produktion auch einmal, bevor sie nach und nach ganze Werkhallen und Fertigungsketten übernommen haben. Aber für die Oper haben die Wissenschaftler trotzdem gute Aussichten: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Roboter auch im Publikum sitzen. Haben sie erst mal gelernt zu fühlen, werden sie das regelmäßig Update in der Oper, dem Kraftwerk der Gefühle, nicht missen wollen.

My Square Lady, Komische Oper, So 5.7., 19 Uhr, Karten-Tel. 47 99 74 00

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