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„On My Way Home“ von Hakan Savas Mican

Hakan Savas Mican mag Worte wie „Kofferkinder“ oder „Pendelkinder“ nicht besonders. Nicht weil er und seine Geschwister selber solche Kinder waren, sondern weil die Worte viel zu grob und simpel für eine komplizierte Erfahrung sind. Kofferkinder werden die Kinder der ersten Generation von Arbeitsmigranten genannt, deren Eltern, weil sie zuerst nur für zwei, drei Jahre in Deutschland Geld verdienen und dann in die Heimat zurückwollten, ihre Kinder bei Großeltern, Tanten, Geschwistern ließen – migrantische Patchworkfamilien, Kindheiten im Provisorium zwischen zwei Ländern. ?Man schätzt, dass es in Deutschland etwa 750?000 Kinder allein der türkischen Arbeitsmigranten waren, die so aufgewachsen sind. Heute erleben das die Kinder osteuropäischer Arbeitsmigranten, die hier zum Beispiel in der Pflege alter Menschen arbeiten. Der harte ökonomische Druck und das innereuropäische Wohlstandsgefälle sorgen zuverlässig dafür, dass der Zustrom billiger Arbeitskräfte nicht nachlässt.
Der Theater- und Filmregisseur Hakan Savas Mican, der zuletzt am Gorki Theater in einer schnörkellos, klaren Inszenierung den Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ für die Bühne adaptiert hat, war vor gut 30 Jahren eines dieser „Kofferkinder“. Als seine Eltern 1978 nach Deutschland zogen, war seine Mutter mit ihm schwanger, das vierte Kind der Familie. Sechs Monate nach seiner Geburt brachten seine Eltern das Kind in die Türkei, er wächst bei Verwandten auf. „Richtig kennengelernt“, sagt Hakan Savas Mican heute, habe er seine Eltern erst, als er mit 19 Jahren zum Studieren nach Berlin gezogen ist.
Es hat Zeit gebraucht, bis er sich in seinem Projekt „On My Home“ im Ballhaus Naunyn­straße mit diesem „Lebensthema“, wie er selbst es nennt, beschäftigen konnte. Einen Sommer lang hat er in Thessaloniki, Sarajevo, Belgrad, Istanbul andere erwachsen gewordenen „Kofferkinder“ befragt und gefilmt. Und er hat seine Eltern an der türkischen Schwarzmeerküste besucht und sehr lange mit ihnen geredet, über seine Kindheit, in der er sie nur in den Sommerferien gesehen hat, und über ihr Leben in der Fremde. „Ich hatte keine Wut auf meine Eltern, sie wollten das Beste für meine Geschwister und mich“, erzählt der Regisseur. „Weil ich ihnen nichts vorwerfe, konnten wir offen miteinander reden, sie mussten sich nicht verteidigen.“
Sein Vater hat in Deutschland als Industriearbeiter Geld verdient. Heute ist er stolz da­rauf, dass seine Kinder studieren konnten. Hakan Savas Mican hat ihm bei ihren Gesprächen eine harte Frage gestellt. „Was ist besser:  Wenn ein Kind bei den Eltern aufwächst oder wenn es später studieren kann?“ Die Antwort seines Vaters kam entschieden: „Natürlich, wenn es studieren kann, Bildung ist das Wichtigste.“
Wenn er sich heute Fotos aus seiner Kindheit ansieht, sieht Hakan Savas Mican nur auf den Bildern glücklich aus, die ihn im Sommerurlaub in Berlin zu Besuch bei den Eltern zeigen. Der Rest des Jahres in der Türkei war wohl weniger glücklich. Er sagt das sehr nüchtern, wie jemand, der sich so lange mit einer schmerzhaften Erfahrung auseinandergesetzt hat, bis eine Art befreiender Klarheit entstanden ist.
Der Regisseur ist ein freundlicher, warmherziger Mensch, nichts an ihm wirkt verbittert oder verhärtet. Eine Frage ist es, die ihn bei seiner biografischen Recherche beschäftigt hat: „Ich habe mich lange ohne Zuhause gefühlt, ohne einen Anker im Leben. Was hat das mit mir gemacht? Die Gefühle der Kindheit tauchen immer wieder auf, das kann einen lähmen. Das Gefühl dieses Schwebezustands ist, glaube ich, in allen meinen Arbeiten. Mein Leben war lange von einer extremen Rastlosigkeit geprägt, in allen Bereichen des Lebens. Ich bin jetzt 36. Erst seit drei Jahren habe ich das Gefühl, zu Hause angekommen zu sein, in Kreuzberg.“
Hakan Savas Mican erzählt eine sehr persönliche Geschichte, und gleichzeitig erzählt er von einer kollektiven Erfahrung, auch davon, wie unterschiedlich diese Erfahrungen bei anderen waren – von glücklichen Kindheiten bei liebevollen Großeltern auf dem Dorf bis zu trostloser Lieblosigkeit. „Es gibt viele Menschen, die etwas Ähnliches erlebt haben wie ich und die sich diese Fragen nicht stellen konnten, die mit ihren Gefühlen nicht zurechtkommen“, erzählt der Regisseur.  
Weil das Thema so kompliziert und vielschichtig ist, gleichzeitig intim und eine Folge ökonomischer Verhältnisse, auch weil sein Material persönlich und dokumentarisch ist, hat er aus seine Recherchen kein Theaterstück, sondern die theatralische Installation „On My Way Home“ für das Ballhaus gemacht.

Text: Peter Laudenbach

Foto: David von Becker

On my way home Ballhaus Naunynstraße, 2., 4., 5., 7.–9.9., 20 Uhr, Karten-Tel. 75 45 37 25

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