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Nachruf

Der Greis als Kind, das die Welt entdeckt: Zum Tod des Schauspielers Jürgen Holtz

Er spielte den schimpfenden Kleinbürger Motzki und gab den Galilei am Berliner Ensemble. Bei Jürgen Holtz griffen Neugier, Naivität, Wut und Spielfreude ineinander. Am 21. Juni ist Jürgen Holtz mit 87 Jahren in Berlin gestorben. Ein Nachruf von Peter Laudenbach.

Jürgen Holtz als Titus Andronicus in "Die Schändung" am Berliner Ensemble, 2006.
Jürgen Holtz als Titus Andronicus in „Die Schändung“ am Berliner Ensemble, 2006. Foto: Imago/DRAMA-Berlin.de

Das Fernsehpublikum lernte ihn als Motzki kennen. Jenen ressentiment-zerfressenen westdeutschen Kleinbürger, in dessen Wut auf die Welt, die er nicht mehr versteht, blanke Hilflosigkeit durchschimmerte. Gerade weil er diesen Kleinbürgerhass fürchtete, fand Jürgen Holtz, dass Herr Motzki eine durchaus liebevolle Figurenzeichnung verdient hätte: So sind die Leute, besser man sieht genau hin.

Dieses Ineinander von Neugierde auf menschliche Merkwürdigkeiten, gekonnter Naivität, Wut bis zur Härte, Spielfreude bis in Clowneske, samt bohrender Intelligenz lieferte einige der raren Zutaten zur Schauspiel- und Menschenerkundungskunst des Jürgen Holtz. Es war eine ziemlich umwerfende Kombination. Wenn Jürgen Holtz spielte, konnte man dem Denken und Staunen und Wünschen bei der Arbeit zusehen. 

Ein großer Zweifler

Seine letzte Theaterrolle war ein großer Zweifler, ein Mensch, der nicht aufhören kann, über die Menschen, und das, was sie einander antun, zu staunen. Jürgen Holtz spielte im vergangenen Jahr, im Alter von 86 Jahren, in Frank Castorfs Inszenierung am Berliner Ensemble Brechts Galileo Galilei. Nach den sechsstündigen Vorstellungen saß er bestens gelaunt und beschwingt vom Spiel in der Keller-Kantine des Theaters und freute sich an den jungen Kollegen.

Sein Galilei war ein Träumer, der lieber die Gestirne des Himmels studiert als die irdischen Machthaber zu ernst zu nehmen: „Er hat etwas von einem Kind, das spielt“, sagte Jürgen Holtz damals in einem seiner letzten Interviews im tipBerlin. Das war natürlich ein Satz wie ein Selbstporträt. Darum ging es: zu Spielen. 

Zu Beginn der Vorstellung am Berliner Ensemble ist sein Galilei nackt und schutzlos wie ein eben geborener Säugling. Der Greis als Kind, das die Welt entdeckt. Es ist ein gleichzeitig berührender und völlig selbstverständlicher Moment. Eine ähnliche Wirkung stellt sich sechs Stunden später bei Galileis Schlussmonolog über die Gefährdung der menschlichen Gattung ein: So ist es, so sind die Menschen, man muss nur hinsehen. Am 21. Juni ist Jürgen Holtz mit 87 Jahren in Berlin gestorben.


Vieles hat sich geändert in diesem Jahr. Der Abschied von Holtz trifft die Berliner Theater-Welt in einer Zeit, die ohnehin hart ist. Die Pandemie zwingt die Häuser zum Umdenken, die neue Spielzeit ist in vielerlei Hinsicht anders.

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