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„Nachtasyl“ an der Schaubühne

Es ist natürlich ein verkrachter Schauspieler, der sich noch im Elend lautstark blamiert. Aus seinem vom Alkohol zerstörten Gehirn dringen wie letzte Reste eines früheren Lebens Verse und Bruchstücke von Rollen, die er einmal gespielt hat – ein paar Worte aus „Hamlet“, ein Gedicht über eine Bettlerin. Vor allem der „Faust“ hat es ihm angetan. Lautstark und im vollen Pathos-Modus schmettert der ­Schmierant den Beginn des „Faust II“: „Ein Paradies wird um mich her die Runde.“ Der Kontrast zu seiner Umgebung könnte nicht größer sein. Das Schauspielerwrack im Endstadium ist in einem Obdachlosen­asyl gestrandet, einem Elends­quartier der Erle­digten und Abgestumpften, die vom Leben nichts mehr zu erwarten haben. Ausgerechnet hier Verse des Sinnsuchers Faust zu deklamieren, ist von bitterer Komik. Der aus der Form geratene Schauspieler (den Felix Römer mit Mut zur Peinlichkeit als zerstörten Grobmotoriker zeigt) könnte schon froh sein, wenn er wüsste, was ihn selbst im Innersten zusammenhält – von der Welt mal ganz zu schweigen. Kein Wunder, dass er sich am Ende, statt es mit einem Entzug zu versuchen, umbringt.
Michael Thalheimer hat die „Faust“-Passage als bösen Kommentar in seine Schaubühnen-Inszenierung des „Nachtasyl“ von Maxim ­Gorki eingebaut, der frühe Klassiker eines harten sozialrealistischen Dramas. Gorkis „Szenen aus der Tiefe“, uraufgeführt in ­Moskau 1902, kommen ohne Gesten des Mitleids oder der sozialen Anklage aus, es gibt keine Außen­welt, keine gepflegten Bürger, denen man die Schuld am Zustand der Elendsgestalten ­geben könnte.
Die Verrohung und Verwüstung der Gelegenheitsprostituierten und des Kleinkriminellen, der sterbenden Kranken, des verarmten ­Barons, des Trinkers und des Hilfsarbeiters, auch der kaum weniger abgerissenen Betreiber der Läusepension, sind einfach als Fakten ausgestellt: So ist das Leben, wenn es so richtig schlecht läuft.
Was nach dem Absturz ins Bodenlose und einem Leben im Untergeschoss der Gesellschaft noch an kümmerlichen Resten von Würde oder Selbstachtung übrig ist, erledigen die Verlierer, indem sie einander drangsa­lieren.
Ein seltsamer Heiliger (Tilman Strauß), der so etwas wie Trost spenden will, wird hier zur abgründigsten Figur. Eine Sterbende erwürgt er in Thalheimers Fassung, damit sie nicht länger leidet. Die Hoffnung, die er predigt, ist Gift, Kitsch, falsches Bewusstsein. Diese illusionslose Härte ist, gerade weil Gorki in seiner vorkommunistischen Phase auf didaktische Erklärungen und Moral-Appelle verzichtet, in der ungefilterten Direktheit auch ein Jahrhundert nach der Uraufführung einigermaßen herbe.
Thalheimer inszeniert das nicht als naturalistisches Elendsmilieustück aus dem zaristischen Moskau, auch nicht als Hartz-IV-Anklage aus einer Bundesrepublik der sozialen Spaltung. Er setzt die Kaputten in eine längs aufgeschnittene, vielleicht unterirdische ­Röhre ohne Ausgang, Aussicht, Tageslicht (Bühne: Olaf Altmann). Die Insassen haben sich daran gewöhnt, regelmäßig von braunem Schlamm geflutet zu werden. In der Schroffheit und Verknappung, im kompletten Verzicht auf sentimentale Regungen bekommt Thal­heimers Inszenierung etwas Absurdes: Hier wird Gorki zum Vorläufer eines Daniil Charms’ oder Becketts. Zum Beispiel wenn die Insassen nach Klescs (Peter Moltzen) verzweifeltem Wutausbruch ungerührt frotzeln: „Was hat er denn?“ – „Er hat sich noch nicht an das Leben gewöhnt.“   

Text: Peter Laudenbach

Foto:
Katrin Ribbe

Schaubühne Di 23.–Do 25.6., 20 Uhr, Karten-Tel. 89 00 23

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