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„Nathan der Weise“ am Deutschen Theater

Lessings „Nathan der Weise“ mit seinem Toleranzappell und der Vision des Friedens, ja der Freundschaft der drei monotheistischen Religionen könnte das Stück der Stunde sein. Andreas Kriegenburg versetzt es am Deutschen Theate in die Steinzeit, als wollte er in Lessings Parabel anthropologische Konstanten entdecken. Nicht um Christen, Juden und Moslems geht es, sondern um die grunzende Urhorde.
Ein schlammbedecktes Paar herzt sich ausgiebig, wird aber von der Horde rüde auseinander gerissen und mit Mehl bestäubt. Das muss die Ursünde sein, die Vertreibung aus dem Paradies. Lessings Schlusspointe, dass die Juden, Christen, Moslems des Stücks miteinander verwandt sind, wird hier gleich zum Einstieg plakativ serviert: Am Ende stammen all die Menschlein der Aufführung vom ersten Paar ab, das sich eben noch glitschig befummelt hat. Während die Primaten um einen sich drehenden Quader aus Holzlatten trotten, nimmt die Menschheitsgeschichte ihren Lauf: Irgendwann tragen die Steinzeitmenschen Einkaufstaschen von Luxus-Labels oder demonstrieren fäusteschwenkend für oder gegen irgendetwas. Kriegenburgs Vorstellungen des sozialen Miteinanders kommen ohne übertriebene Subtilitäten aus.
Ihre Außenseiter und Alphatiere wählen die Primaten eher nach biologischen als nach kulturell oder religiös codierten Mustern. Nathan (Jörg Pose) bekommt einfach einen Hut mit Schläfenlocken verpasst, auf dass die anderen im Berliner Dialekt kalauernd auf ihn zeigen können: „Is jud“. Das ist so etwa das Humor- und Reflexionsniveau, auf das Fragen nach dem prekären Status kollektiv Stigmatisierter an diesem Abend eingedampft werden. Is jud? Nein, ist nicht gut. Verhandelt Lessing harte Konflikte mit größter Raffinesse als Märchen der Versöhnung mit betont irrealem Happy End, entsorgt Kriegenburg den Stoff in die Regression.   

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

Deutsches Theater Fr 11., Fr 18.9., 20 Uhr, Mo 21.9., 19.30 Uhr, Karten-Tel.: 28 44 12 25

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