Performance

Nationaltheater Reinickendorf

Hardcore-Immersion in der Hölle der Verdammten: Vegard Vinge und Ida Müller laden in ihr
Nationaltheater Reinickendorf

Foto: Vegard Vinge / Ida Mueller

Sie sind wieder da! Das gefürchtete Regie-Installations-Duo Vegard Vinge und Ida Müller eröffnet im Juli das Nationaltheater Reinickendorf, und so viel kann man jetzt schon sagen: Davon, was ein Nationaltheater ist und was eine gute, stehende Schaubühne bewirken kann, werden wir danach etwas andere Vorstellungen haben. Spätestens seit ihrer (völlig zu Recht zum Theatertreffen eingeladenen) Ibsen-Geisterbahn „John Gabriel Borkman“, die der Norweger und die Deutsche 2011 im Prater der Volksbühne anrichteten, stehen die Radikal-Performer mit ihren 12-Stunden-Shows für ein Theater der etwas heftigeren Entäußerung. Wobei Thema und Stoff der jedes Mal anderen Aufführungen im Gegensatz zu den Narzissmus-Übungen weniger interessanter Performer nicht die eigenen Privat-Befindlichkeiten, sondern große Texte der Weltliteratur (am liebsten vom Landsmann Ibsen) und anderer Mythen-Arsenale sind.

Bei den langen Prater-Nächten von Vegard Vinge und Ida Müller wusste man immer nicht, ob man in einer klaustrophobischen Zwangsvorstellung, einem psychedelisch bunten Comic-Puppenhaus, dem Inneren des Kopfes eines Psychotikers mit ausgedehnten Kenntnissen der europäischen Kultur- und jüngeren Pop- und Theatergeschichte oder in einem Fiebertraum gelandet ist, den der tote Henrik Ibsen seit einem Jahrhundert in seinem norwegischen Grab oder in der Hölle der Verdammten träumt. Vielleicht war man aber auch in einem Groß-Boudoir: ein Labyrinth des Schreckens, in dem bürgerliche Lebenslügen, frühkindliche Traumata und prächtig schillernde Neurosen mit den Zombies des Personals aus Ibsen-Dramen Karneval feiern, ein üppig ausgestatteter Schauplatz, auf dem Sexualpraktiken aller Art fröhlichen Auslauf haben. Gerne wetteten Stammgäste vor Beginn der Exerzitien darauf, ob Zeremonienmeister Vinge sich wieder gekonnt in den eigenen Mund pinkeln und sich allerlei Gegenstände in allerlei Körperöffnungen einführen wird (und wenn ja: welche).
Angesichts des hohen Ausrasterfaktors der Darsteller lautete die andere unter Connaisseuren beliebte Frage, ob diesmal nur Teile des Mobilars zertrümmert oder auch Beteiligte bleibende Schäden davon tragen werden. Und Stammgäste, die immer wieder kamen und bis ins Morgengrauen blieben, gab es viele. Vinges Theater entwickelt bei dafür empfänglichen Seelen einen ausgesprochen hohen Suchtfaktor.

Privat soll Vinge übrigens ein bezaubernder Mensch mit besten Umgangsformen sein. Auf der Bühne lässt er sich von solchen Affektkontrollen natürlich nicht weiter stören, was Küchenpsychologen-Theaterkritiker vermutlich zu tiefsinnigen Jekyll-und-Hyde-Gedankengängen zu animieren vermag. Was beim Nationaltheater Reinickendorf, das das (auf drei Jahre angelegte) Immersionsprogramm der Berliner Festspiele mit einem kräftigen Wumms weiterführt, auf uns zukommt, bleibt vorerst im Dunkeln. Als amtierende Theater-Fürsten der Finsternis und Künstler, die wissen, wie die Arbeit am eigenen Mythos funktioniert, gewähren Vinge und Müller selbstverständlich keinerlei Interviews oder andere Vorab-Einblicke in ihre Vorhaben. Was den großen Vorteil hat, die frohe oder unfrohe Erwartung auf das, was eine erstaunte Welt bei den insgesamt zehn Vorstellungen erwartet, in angenehm prickelnder Spannung zu halten.

Nationaltheater Reinickendorf Eichborndamm 167, Reinickendorf, Vorstellungen: Do 6.7., Sa 8.7., Do 13.7., Sa. 15.7., Di 18.7., Sa 22.7., Mi 26.7., Fr 28.7., 18 Uhr, So 30.7., jeweils 16 Uhr, Eintritt 40, erm. 20 €, www.nationaltheaterreinickendorf.com

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