Theater

Nature Theater of Oklahoma im HAU

life_and_times_2_c_nature_theater_of_oklahoma„Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal! Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns!“ Als Franz Kafkas Romanheld Karl Rossmann diesen Plakat-Aufruf an einer Straßenecke liest, hat er bereits eine Odyssee in „Amerika“ hinter sich. Von seinen Eltern aus Europa verstoßen und ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten geschickt, sucht der 16-Jährige vergeblich seinen Platz. Am Schluss des „Amerika“-Fragments steht Kafkas utopischer Entwurf des „Naturtheaters von Oklahoma“ – und damit die vage Hoffnung, dass Karl Rossmann durch das Theater eine neue Arbeits- und Lebensperspektive findet: „Jeder ist willkommen!“ Im Hebbel am Ufer reanimiert jetzt die New Yorker Performance-Gruppe Nature Theater of Oklahoma ihren Gründungsmythos und macht daraus ein Berlin-Projekt.

Zwei Wochen lang wird das Regie-Duo Kelly Copper und Pavol Liska, Leitungsteam des Nature Theaters, das HAU bewohnen und gemeinsam mit Berlinern arbeiten, die dem Aufruf des Theaters (wie einst Karl Rossmann) gefolgt sind: „Wir wollen gemeinsam an einer Utopie arbeiten“, erklärt Pavol Liska. „Ein soziales Experiment, um herauszufinden, ob Theater und Zusammenarbeit nützliche Konzepte für die Gesellschaft sind, und ob wir eine Gemeinschaft auf Kunst aufbauen können.“ Zum ersten Mal werden sich die Arbeits- und Lebenspartner Liska und Copper auf ein Projekt einlassen, das die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem, Leben, Kunst und Arbeit aufhebt, auf ein zweiwöchiges Work in Progress. Der Ausgangspunkt ihrer Arbeiten ist immer die alltägliche zwischenmenschliche Kommunikation – vor allem mitgeschnittene, private Telefonate –, die sie in hoher Stilisierung und komisch wirkender Künstlichkeit auf die Bühne bringen. „Manche Leute missverstehen unsere Arbeit und denken, wir wollten den Alltag romantisieren oder auf der Bühne zeigen, dass ein unscheinbares, normales Leben großartig ist“, erklärt Liska. „Wir sind nicht am Alltag interessiert, sondern an der Arbeit, die es braucht, den Ausgangspunkt, zum Beispiel ein 16-stündiges Telefonat, auf die Bühne zu bringen. Wie sehr strengen wir Menschen uns an, das Leben großartig zu machen? Es gibt keine Trennung zwischen Kunst und Arbeit.“

Deshalb werden die New Yorker „Jobinterviews“ mit den Berlinern führen – natürlich nicht am Telefon, sondern live bei Barbecue und Burger – und die Mitschnitte zu Performance, Radioshow und Film verarbeiten. „Uns ist klar, dass die Idee des Naturtheaters von Oklahoma komplex und vieldeutig ist. Wir interessieren uns für all diese Aspekte. Uns ist die Gefahr bewusst, dass totalitäre Tendenzen entstehen können“, erklärt Liska. Mit der Figur Karl Rossmann und ihrem Erfinder Franz Kafka verbinden ihn auch biografische Parallelen: Mit 18 Jahren wanderte er aus der sozialistischen Diktatur der damaligen Tschechoslowakei nach New York aus. Aber das Nature Theater zeigt nicht nur diese vorläufige Episode 6 seines Langzeitprojekts „Life and Times“. Gerahmt wird die Stückentwicklung von einer kleinen Werkschau des international vielleicht erfolgreichsten New Yorker Off-Theaters. Dass sich dabei das Spielzeit-Ende im Hebbel am Ufer mit dem Festival „Foreign Affairs“ der Berliner Festspiele überschneidet, ist natürlich kein Zufall. Denn gleich zwei langjährige Koproduktionspartner des Nature Theater haben seit einem Jahr Jobs in Berlin: Die HAU-Intendantin Annemie Vanackere, zuvor Direktorin der Rotterdamse Schouwburg, und „Foreign Affairs“-Festival-Leiter Matthias von Hartz, der vorher beim Kampnagel-Sommerfestival zum europäischen Netzwerk des Nature Theater gehört hat.

life_and_times_3_4_c_nature_theater_of_oklahomaFür den großen Berlin-Auftritt haben HAU und „Foreign Affairs“ kollaboriert und damit realisiert, was die Einzelbudgets nicht hergegeben hätten: Gastspiele der extrem lustigen „Romeo und Juliet“-Version und aller bisherigen Episoden von „Life and Times“, im Serien-Doppel oder gleich als abend- wie tagfüllender Marathon. Auf zehn Jahre, zehn Episoden und 24 Stunden Aufführungsdauer hat das Nature Theater „Life and Times“ angelegt: die 16-stündige Lebensbeichte der Sounddesignerin und NT-Performerin Kristin Worrall, aufgezeichnet bei einem Marathon-Telefonat. Seit fünf Jahren richtet das Nature Theater Worralls Memoiren in gegebener Ausführlichkeit und Länge für die Bühne ein, detailgetreu bis zum letzten „Em“ und „Well“ – bei natürlich größtmöglicher Verfremdung durch die Bühnenmittel. Zur Halbzeit hat Worrall Kindheit, Pubertät und High-School beendet und dabei recht durchschnittliche Lebens- und Problemlagen durchlitten.

Im Theater arbeitet sich die Tour de Force durch die US-amerikanische Mittelstandsbiografie durch die unterschiedlichsten Genres. Warrolls früheste Kindheit präsentiert sich als Musical, das in Kostüm und Choreografie den Charme von Pfadfinderei und Spartakiade aufruft. Episode 2 lockt als kollektiver Show Choir mit Retro-Glamour und Cheerleader-Ambition. Die Episoden 3 und 4 spielen in der Rekonstruktion der berühmten Londoner West-End-Produktion von Agatha Christies „Die Mausefalle“ von 1952. Der Bühnen-Krimi endet als animierter Stop-Motion-Trickfilm. Episode 5 erscheint auf der Bühne als Buch in mittelalterlichem Design und versucht, den ersten sexuellen Erfahrungen Kristin Worralls epische Dimension beim kollektiven Lesen zu verleihen.

Auf den ersten Blick ist „Life and Times“ bestes Entertainment und darin auch sehr amerikanisch. Gleichzeitig erzeugen die Aufführungen immer eine Art von Leerlauf, der die gemeinsame Zeit im Theater schier endlos ausdehnt. Die Lebensgeschichte von Kristin Worrall dient eher als „Vorwand, um einen Raum zu schaffen, in dem das Publikum wirklich existieren kann, statt unterhalten zu werden“, erklärt Pavol Liska. „Durch den Marathon entsteht auf der Bühne eine Form von Erschöpfung, die alle Schutzmechanismen und Selbstkontrolle überwindet. Am Ende offenbart sich eine Realität, die unter allem liegt, was wir täglich behaupten.“ So werden im Zeitverlauf aus Performern und Publikum einfach Menschen. Hinter der 14-tägigen Ausrufung und Werkschau des Nature Theaters of Oklahoma steht ein soziales Anliegen: „Es geht um einen radikalen Wandel der Rolle von Kunst in der Gesellschaft.“

Text: Anja Quickert

Foto: Nature Theater of Oklahoma

Life and Times – Episode 6 (Work in Progress) HAU1, Mi 10.7., 20 Uhr

Das große Nature Theater of Oklahoma ruft Euch! – A Movie HAU1, Do 11.7., 20 Uhr

Werkschau: Life and Times HAU1, Episoden 1–6: 3.–12.7., Karten-Tel. 25 90 04 27

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