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Neue Musik beim Festival „Infektion!“ in der Staatsoper

Infektion_HanjoDass neue Musik eine „fremdartige Sache“ ist, schwierig und anstrengend fürs Publikum, ist ein beliebtes Klischee – vor allem bei den Künstlern der neuen Musik selbst. Wer Neue Musik macht (mit großem N), möchte sperrig sein. Doch die Avantgarde von gestern und heute hat längst ihr treues Stammpublikum gefunden. Die Gemeinde mag kleiner sein als bei Mozart oder Wagner. Doch sie kommt immer wieder. So ist es zu erklären, dass ein Festival wie Infektion! seit drei Jahren an der Staatsoper fast konzeptlos vor sich hin schippert. Und immer prominenter wird. In diesem Jahr buttert man mit großen Namen wie Claus Guth, Bejun Mehta, Marlis Petersen, Ulrich Matthes und Helmut Oehring, was das Zeug hält. Und was das Staatsopern-Budget hergibt.

„Wir sollen es machen, denn wir können es machen“, so fasst Dramaturg Jens Schroth die Zielsetzung des Saisonabschluss-Festivals zusammen. Ein schöner Vorsatz. Und zugleich einer, der an wunderlicher Bescheidenheit, was die Inhalte angeht, kaum zu unterbieten ist. Denn ein Themenkomplex wie dieses Jahr, bei dem es um Konfrontation von Musik- und Sprechtheater geht, ist zugleich so abstrakt, fast leer, dass man kaum fassbaren Sinn daraus machen kann. Bleibt nur: Genießen!

So steht im Zentrum eine von Helmut Oehring neutönerisch ergänzte „Fairy Queen“ von Henry Purcell. Ursprünglich eine Schauspielmusik („Masque“) zu Shakespeares „Sommernachtstraum“. Und deshalb kaum separat aufführbar. Unter dem Titel „Aschemond“ hat die Librettistin Stefanie Wördemann Texte von Heine bis Stifter beigefügt. Erstaunlich „demütig“ nennt Jens Schroth das Ergebnis des von Claus Guth inszenierten Musiktheaters. Inhalt: der Wechsel der Jahreszeiten.
Nicht nur das Team Oehring/Guth hat Initiator Jürgen Flimm deshalb engagiert, weil man „einfach einmal etwas zusammen machen wollte“. Auch mit Falk Richter traf man sich für einen schlichten Nachbarschaftsbesuch in Charlottenburg. Um schließlich bei dem Projekt „For the Disconnected Child“ zu enden – als Zusammenarbeit mit der Schaubühne. Gleich sieben Komponisten steuern Musik zu diesem „Eugen Onegin“-Divertimento bei. Unter den mitwirkenden Schauspielern sind Stefan Stern und Ursina Lardi.

Infektion_ForTheDisconnectedChildAußerdem dockt die Staatsoper mit Toshio Hosokawas „Hanjo“ in der Inszenierung von Calixto Bietio (mit Georg Nigl) an die erfolgreiche Sasha-Waltz-Produktion des Vorjahrs an, die sich gleichfalls einem Werk des japanischen Komponisten Hosokawa gewidmet hatte. „Hanjo“, koproduziert mit der Ruhrtriennale, wurde daselbst bejubelt. Aus dem Vorjahr nimmt man daneben „Europeras 3&4“ von John Cage in der Werkstatt des Schiller-Theaters wieder auf. Und mit Georges Asperghis’ „Rйcitations“ beschließt ein Solo für eine Sopranistin die Spielzeit.
Das Ganze lässt wahrlich keine echte Zielsetzung erkennen. Sondern ist eher modernes Ausflocken des Spielplans zum Ende der Saison. Ein Sammelbecken musikalischer Zukunftsflausen. Beim Wort „Infektion“ denkt man ohnehin an Ansteckung, nicht an Argumente. Man könnte sagen: Infektion! ist die Nachfolge-Institution des Abonnements. Wo man früher die Leute abonnieren ließ, will man sie heute lieber infizieren. Zu Risiken und Nebenwirkungen berät kein Arzt oder Apotheker. Denn die Risiken, die sind hier gering genug. 

Text:  Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Ruhrtriennale/PaulLeclaire, Amir Fattal

ASCHEMOND ODER THE FAIRY QUEEN
Staatsoper im Schiller-Theater,
So 16.6., Mi 19.6., Fr 21.6., Di 25.6., Fr 28.6., 19.30 Uhr; So 23.6., 15 Uhr,

FOR THE DISCONNECTED CHILD
Schaubühne,
Fr 14.6., Mo 17.+Di 18.6., Do 20.+Fr 21.6., So 23.6., Di 25.6., Sa 29.+So 30.6., 20 Uhr.
Karten-Tel. 89 00 23

HANJO
Staatsoper im Schiller-Theater
Mo 24.6., So 30.6., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

 

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