Theater

Neue Musik in Berlin: Maerzmusik

michael_vorfeldMatthias Osterwold, der künstlerische Leiter der MaerzMusik, sagt im Vorfeld der 10. Ausgabe des Festivals, die Zeit sei „wie im Rausch vorbeigegangen“ und erinnert sich gern daran, wie während der ersten MaerzMusik eine vom Ensemble Zeitkratzer instrumental arrangierte Fassung von Lou Reeds „Metal Machine Music“ aufgeführt wurde. Lou Reed höchstpersönlich spielte mit. Zur Erinnerung: „Metal Machine Music“, Reeds 1975 erschienenes Doppelalbum, besteht ausschließlich aus Gitarrenfeedbacks. Aus reinem Lärm. Lester Bangs nannte es seinerzeit die großartigste Platte, die jemals gemacht wurde. Bangs: „Wenn du mit dem schlimmsten Kater deines Lebens aufwachst, ist Metal Machine Music die beste Medizin.“
So viel zur glorreichen Vergangenheit.

Inzwischen ist die MaerzMusik zu einem ausgesprochenen Publikumsfestival geworden, was bei Neuer Musik eine echte Leistung ist. In diesem Jahr geht es um die Verbindung von Musik und dem Visuellen im weitesten Sinne – Lichtdesign, Rauminstallation oder auch das gute alte Filmbild. Ein spezielles Raumkonzept hat auch die Komposition „Chroma XV“ der britischen, in Berlin lebenden Komponistin Rebecca Saunders, mit deren Aufführung im Cafй Moskau das Festival eröffnen wird. „Chroma“, griechisch für „Farbe“, bezeichnet im Englischen die Farbintensität. Seit der Uraufführung 2003 sind 15 Versionen entstanden, alle in der Konzeption an den Raum der jeweiligen Aufführung angepasst. „Chroma XV“ wird aus fünf gleichsam wie Bilder im Moskau verteilten Instrumentalgruppen bestehen. Die Komposition ist also buchstäblich räumlich erfahrbar.
Die Lichtquelle selbst zur Musik macht der Berliner Künstler, Komponist und Perkussionist Michael Vorfeld mit seiner „Glühlampenmusik“, die, ebenfalls im Moskau, die nächtliche Reihe der „Sonic Arts Lounge“ innerhalb der MaerzMusik eröffnet.

Die Sonic Arts Lounge findet die Orte für ihre verschiedenen Multimediaprojekte in Berliner Clubs wie dem Moskau, dem Berghain oder direkt an der Stromquelle im Trafo auf dem Gelände des Kraftwerks in der Köpenicker Straße. Vorfelds Glühlampenmusik macht mithilfe verschiedener Tonabnehmer die Arbeit der elektrischen Schaltelemente auf seinem Basteltisch akustisch wahrnehmbar. Natürlich leuchten die Lämpchen dabei auch sehr hübsch.
Die Renaissance des Stummfilms geht auch an der MaerzMusik nicht vorbei. Die vier Aufführungen im Rahmen der Reihe „Neue Musik zu alten Filmen“ auf der MaerzMusik, sagt Matthias Osterwold, sollen die alten Filme aber „wieder aus dem Museum rauskriegen“. Es wird interessant sein, wie sich die neuen Musiken in einem Spannungsverhältnis zwischen auskomponiertem Score und Improvisation zu den alten Filmen verhalten. Beides hat es in der Stummfilmzeit bekanntlich gegeben, beide Herangehensweisen werden in der Reihe vertreten sein.

Gezeigt werden „Metropolis“ (1927) von Fritz Lang, in der für die Berlinale 2010 rekonstruierten Fassung mit der Musik von Martin Matalon, der interessanterweise jeweils für die teilweise sehr unterschiedlichen Rekonstruktionen des Films von 1995, 2007 und jetzt 2010 eine Musik geschrieben hat. Außerdem „Ein Sechstel der Erde“ (1926) von Dziga Wertow mit Filmmusik von Michael Nyman, „Die seidenen Fäden des Wasserfalls“ (1933) von Kenji Mizoguchi mit Musik von Misato Mochizuki und „J’accuse“ (1919) von Abel Gance, vertont von Reza Namavar und Gary Lucas. Letzterer dürfte vielen als Gitarrist in der Magic Band des großen, unlängst verstorbenen Captain Beefheart auf dessen letzten großen Alben „Doc at the Radar Station“ (1980) und „Ice Cream for Crow“ (1982) bekannt sein. Nichts als Lärm. Und immer gut gegen jeden Kater.

Text: Andreas Hahn

Maerzmusik
18.–27.3., Moskau, Berghain, Kraftwerk Mitte, Kino Babylon, Radialsystem u.a.
www.maerzmusik.de

Foto: Berliner Festspiele

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