Theater

Zwischen Pop und Avantgarde

Der Neue Circus hat sich längst zu einer eigenständigen Kunstform ­entwickelt. Mit traditionellem Zirkus hat das nichts zu tun. Nach dem Chamäleon ­Theater erhält der zeitgenössische Circus nun auch bei den Berliner Festspielen eine ­Berliner Heimat  

Text: Friedhelm Teicke

Mit dem zeitgenössischen Circusstück „Nebula“ von der französischen Compagnie du Chaos starten die Berliner Festspiele ihre neue Programmreihe „Circus“ – Foto: Milan Szypura

Als im vergangenen Jahr sich etliche Koryphäen der Freien Szene zusammentaten, um einen „Internationalen Performance-Zirkus für das 21. Jahrhundert“ zu präsentieren, war das ziemlich peinlich. Denn was die Performer da zeigten, war eher ganz alter Zirkus. Ein schrill Avantgarde behauptendes, in Wahrheit biederes Nummernprogramm, das die üblichen Stilmittel Dressur, Zauberkunst, Akrobatik, Clownerie, Ballett und Zirkusband mit den Mitteln der Performance bloß ironisch zitierte. Doch im 21. Jahrhundert – wie behauptet – war man damit beileibe nicht, eher im klassischen Zirkus des späten 18. Jahrhundert.

Ein Missverständnis, das auch von einiger Arroganz zeugt. Denn tatsächlich ist der zeitgenössische Circus längst weiter, avantgardistischer und dabei – mangels Förderung – äußerst raffiniert in der Kunst der Zuschauerverführung mit unerwarteten Mitteln.

In Berlin hat diese Kunstform im Chamäleon Theater seit über zehn Jahren eine Heimat. Zwei Neue-Circus-Produktionen zeigt das Theater pro Jahr. Inszenierungen aus Kanada, Australien, Tschechien, Schweden und auch Deutschland geben Beispiele dieser ganz eigenen Kunstform des Geschichtenerzählens zwischen Spaß, Staunen und Irritation. Und beileibe keine Nummernprogramme. Am 16. März hat „Scotch & Soda“ von der australischen Company 2 Berlin-Premiere,  das die spielerische Spontaneität des Jazz mit Akrobatik und Alkohol zu einer feuchtfröhlichen Sause verbindet.

Die Branche wehrt sich gegen die Arroganz und verkündet ein Manifest für den Neuen Circus

Doch der Neue Circus hat es in Deutschland schwer, gegen das Stereotyp anzukommen, das mit dem Wort Zirkus verbunden wird. Dabei hat der seit den 1970er-Jahren in Frankreich entwickelte „Nouveau Cirque“ mit traditionellem Zirkus wenig gemein. Das wird nicht nur durch die Schreibweise mit C statt Z betont, sondern es ist tatsächlich eine ganz eigene Kunstform, die interdisziplinär Akrobatik, Tanz und Theater zusammenführt und im besten Fall Entertainment, Tiefe und Avantgarde kongenial vereint und miteinander versöhnt.

Jazz und Aktobatik: Die australische Neue Circustruppe Company 2 reicht „Scotch & Soda“ – Foto: Sean Young

Im Chamäleon produzieren mitunter auch Künstler von Base Berlin, einem Kreativpool von Artisten, Künstlern und Regisseuren. Kopf ist Markus Pabst, der mit Programmen wie „Soap“ und „Der helle Wahnsinn“ die Grenzen von Varieté, Performance, Musik- und Tanztheater so wagemutig wie erfolgssicher verschoben und aufgemischt hat. Als sich die Branche kürzlich in Berlin traf, um anlässlich dünkelhafter Missachtung in Feuilleton und Förderjurys ein „Manifest des zeitgenössischen Circus in Deutschland“ zu erstellen, war Pabst natürlich dabei.

Aber auch Thomas Oberender, der Chef der Berliner Festspiele. Denn immerhin er hat erkannt, dass mit dem Neuen Circus ein aufregendes neues Genre entstanden ist: „Ich sehe den zeitgenössischen Circus als einen Teil der großen Live-Art-Bewegung“, sagt er und widmet ihm nun eine eigene Programmschiene. In „Circus“ zeigen die Berliner Festspiele zukünftig in loser Folge Produktionen und Gastspiele des Neuen Circus. Die Reihe startet im März mit dem preisgekrönten Stück „Nebula“ der Pariser Compagnie du Chaos über eine komplexe Paarbeziehung – erzählt rund um eine Pole-Stange.

„Da ist eine zeitgenössische Bewegung in Gang gekommen, die sich von kommerziellen Formen freimacht“, sagt Oberender, „eine Generation von Künstlern und Artisten, die eine andere Sprache suchen und die Unterstützung brauchen.“ Denn während der von diversen Produktionshäusern von Kampnagel bis Sophiensaele koproduzierte „Internationale Performance-Zirkus für das 21. Jahrhundert“ selbstverständlich von der Kulturstiftung des Bundes gefördert worden war, muss der wirkliche Neue Circus ohne Kulturförderung auskommen. Noch?

Company 2: „Scotch & Soda“, 16.3. bis 20.8., Di–Fr 20 Uhr, Sa 18+21.30 Uhr, So 18 Uhr, Chamäleon Theater, ­Rosenthaler Str. 40/41, Mitte. Eintritt 37–69, erm. 29–58 €
Programmreihe „Circus“ in loser Folge im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Eintritt 20, erm. 15 €

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