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Neuer Tanz aus Afrika beim HAU-­Festival Moussokouma

Moussokouma_LeTraitDie beiden Jungs sind B-Boys aus Algier. Ihre Körper scheinen wie aus Gummi zu sein. Sobald sie springen, wirkt es, als blieben sie in der Luft einfach stehen. Mohamed Ali Djermane und Lotfi Mohand Arab sind atemberaubend, choreografiert hat sie Nacera Belaza. Die algerische Künstlerin nimmt sich die männliche Energie derart zur Brust, dass sie mit klassischem Macho-Hip-Hop nichts mehr zu tun hat. Bei ihr sehen die Jungs aus wie sanfte, zarte, verletzliche Insekten, die mühelos in die Luft hüpfen und so butterweich landen, als würden sie von unsichtbaren Fäden gehalten. Bekannt wurde Belaza durch ihre Choreografie „Le cri“, einem stummen Schrei, einem Duo mit ihrer Schwester Dalila, das nach Harmonie und Trance rief: eine meditative Hymne an das Nichts, erfüllt vom Lärm der Tradition. Nur kommen mit solchem Minimalismus die Frauen in Algerien heute nicht mehr weiter. Allmählich geht die Askese in Wut über. Jetzt, in ihrem jüngsten Stück „Le trait“ („Die Eigenschaft“, Foto), suchen die Schwestern nach neuen Wegen in ihrem Land, an dem, wie in Marokko, die Arabolution fast spurlos vorüberging.

Eingeladen sind Dalila und Nacera Belaza zu einem Tanzfestival im HAU, mit acht weiteren Choreografinnen aus Südafrika, der Elfenbeinküste, Mali, Marokko und Senegal. In Mali herrscht Krieg. Die Elfenbeinküste ist geteilt: Im Norden herrscht der Islam, im Süden wollen die Christen regieren. Senegal ist ein Pulverfass, noch ohne Schlagzeilen, aber auch hier gilt, was für Mali traurige Realität ist: Ein an sich schon muslimisches Land wird gespalten in Islamisten und Gemäßigte. Sämtliche Konflikte im nördlichen Afrika drehen sich, wenn man so will: um die Rolle der Frau. Die einen wollen sie am Herd sehen, die anderen in der Politik.

Moussokouma_ShiftDie Idee zu dem HAU-Festival hatte der aus Burkina Faso stammende Berliner Film- und Tanzkurator Alex Moussa Sawadogo. Der Name des Festivals ist ein Statement: „Moussokouma“, auf Deutsch: „Sprache der Frauen“. Den Islam auf eine frauenfeindliche Macho-Kultur zu reduzieren, ist gar nicht so einfach. Nicht in Afrika. Selbst wenn der Ort der Frau die Küche wäre, ist sie dort Gastgeberin und bestimmt den sozialen Umgang. Selbst wenn sie zu Hause bliebe, wäre ihr Haus vor allem der Ort, an dem ordentlich gefeiert wird. Bouchra Ouizguen aus Marokko, die das Festival eröffnet, engagiert Frauen, die bei solchen Feiern, auf Hochzeiten und in Nachtclubs als „Shikhats“ unterwegs sind – sinnliche Sängerinnen, die die üblichen Grenzen des Anstands überschreiten: in Privathäusern oder im „Madame Plaza“, wie sie ihr Stück nach einem alten Kabarett in Marrakesch genannt hat. Natürlich widerspricht das dem sittsamen Bild der Frau. Und doch bleibt es wahr: Im Maghreb erlebt man eine selbstbewusste Weiblichkeit.

Bouchra Ouizguen ist kein Kind von Traurigkeit. Sie interessiert sich nicht für die Bühne des Religiösen, sondern für private Wohnzimmer, für die Teppichbühne der Großfamilien – auf die Ouizguen immer wieder mit einem „Danse contre Nourriture“ (einem „Tanz gegen Verköstigung“) eingeladen wird. Da gibt es Kontaktimprovisation gegen Gastfreundschaft, einen zärtlichen Tanz mit der Großmutter, eine intime Session, die im liberalen Deutschland so wohl kaum denkbar wäre. Was nicht heißt, dass bestimmte Klischees nicht trotzdem stimmen. Tänzerin zu sein, erscheint im Denkhorizont von Koranschulen identisch mit der Ausübung von Prostitution. Kettly Noel aus Mali wagt sich nachts auf die Straße, um zu tanzen. Als Fanta Kaba, wie sie ihre Figur nennt, verschwimmen die Grenzen: Tanzen als ein körperlicher Genuss wird von den Männern in der Dunkelheit nicht nur missverstanden. Sollen wir also nicht mehr tanzen? Oder sollen wir es so machen wie die Südafrikanerin Mamla Nyamza, die an eine vor fünf Jahren kollektiv vergewaltigte und mit 25 Messerstichen getötete Fußballspielerin erinnert, die offen dazu stand, lesbisch zu sein? Soll man aufstehen wie Nelisiwe Xaba und Mocke J. van Veuren, die einen bitterbösen Blick werfen auf so traditionelle Ideale wie Keuschheit, Jungfräulichkeit und Reinheit, die nur dazu da sind, das männliche Begehren zu vermehren? Wie es derzeit im Norden Afrikas aussieht, geht es eher um das Subversive, um den eigenen Stolz, mit denen zu tanzen, die ihre Hoffnung nicht begraben. 

Text:  Arnd Wesemann
Fotos: Elise Fitte Duval, Antoine Tempe

Moussokouma
HAU 1, 2, 3, Di 11.–So 16.6.,
Karten-Tel. 25 90 04 27

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