Theater

Neun Richtige: die Stücke des Theatertreffens 09

moewe… eine radikal persönliche Auseinandersetzung mit seiner Krebserkrankung. Jürgen GoschsDie Möwe“ (4., 5., 17.5., Deutsches Theater) ist ein nicht weniger eindringlicher, völlig unsentimentaler, in keiner Sekunde zynischer Blick auf die ihr Leben verpfuschenden Menschen in Tschechows bitterer Komödie. Aus Zürich kommt eine zweite Inszenierung von Jürgen Gosch, „Hier und jetzt„. Roland Schimmelpfennigs Stück handelt von einer aus den Fugen geratenden Hochzeitsgesellschaft. Übrigens kann man sich, außerhalb des Theatertreffens, auch auf eine andere Gosch-Inszenierung eines Schimmelpfennig-Stücks freuen: Am Deutschen Theater hat am 28.4. Idomeneus“ Premiere.

Von Nicolas Stemann, von dem leider länger nichts in Berlin zu sehen war, der aber in der kommenden Spielzeit wieder am Deutschen Theater inszenieren wird, kommt seine Hamburger Inszenierung Die Räuber nach Berlin. Bei Stemann ist Franz Moor, der gefährlich idealismusberauschte Outlaw, einer der „Urväter der RAF“ (Theatertreffen-Jurymitglied Peter Müller). Stemanns alter Intendant am Hamburger Thalia Theater ist auch sein neuer, ab nächster Spielzeit am Deutschen Theater: Ulrich Khuon. An Khuons DT wird man einem anderen Regisseur häufiger begegnen: Andreas Kriegenburg, auch er wie Stemann ein Stammgast beim Theatertreffen, ist ab kommender Spielzeit Hausregisseur am Deutschen Theater.

prozessIn diesem Jahr ist er mit seiner Münchner Inszenierung „Der Prozess“ eingeladen. Kafkas Romanfragment wird bei Kriegenburg zu einem „virtuosen Stummfilmpanoptikum“, Josef K. zur „multiplen, von Paranoia und sexuellem Hunger getriebenen Persönlichkeit“ (Theatertreffen-Jurymitglied Christopher Schmidt). Einen anderen Klassiker hat Katie Mitchell in Köln aufpoliert: Franz Xaver Kroetz’Wunschkonzert„, der letzte Abend einer einsamen Selbstmörderin, wird zum durchkomponierten Happening.

Vom Wiener Burgtheater kommen zwei sehr unterschiedliche Inszenierungen: Joachim Meyerhoffs furioses Solo „Alle Toten fliegen hoch 1-3„, ein autobiografischer Monolog der freidrehenden, hochkomischen Ego­shooter-Klasse (Mehr über Meyerhoff erfahren Sie im aktuellen tip auf Seite 56). Sehr viel düsterer dürfte Martin Kusejs Wiener Beitrag zum Theatertreffen ausfallen. Der Fachmann fürs wuchtig Archaische hat Karl SchönherrsDer Weibsteufel“ inszeniert. Für die meisten Debatten dürfte die Inszenierung sorgen, die möglicherweise nicht nur zeitlich die letzte des diesjährigen Theatertreffens ist: „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ des überschätzten Chor-Dressier-Regisseurs Volker Lösch. Lösch, der die Welt gerne in Gut und Böse, Arm und Reich, Unten und Oben einteilt und sich selbst natürlich von Selbstzweifeln und sonstigen Gedanken unangkränkelt auf der Seite der guten, wahren, edlen Kapitalismuskritik wähnt, lässt diesmal Hamburger Hartz- IV-Empfänger aufmaschieren, die dann im Staatstheater Revolution spielen dürfen. Davon wird sich der Kapitalismus nie wieder erholen.

Text: Peter Laudenbach

Theatertreffen 1.-18.5.
, Info-Tel. 25 48 91 00 www.berlinerfestspiele.de

Mehr zum Theatertreffen erfahren sie in der aktuellen tip-Ausgabe 10/09.

INTERVIEW MIT CHRISTOPH SCHLINGENSIEF

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