Theater

New Work in der Volksbühne

Lalala_Human_StepsDass er die Oper einmal lieben würde, hätte Йdouard Lock früher nicht gedacht. In den 80er-Jahren, der Postpunk-Ära, choreografierte der kanadische Choreograf lieber zur Musik von Iggy Pop oder den Einstürzenden Neubauten. Und seine Muse, die legendäre Louise Lecavalier, sprang dazu mit Arm- und Knieschonern in unwahrscheinlichen Schraubsprüngen gegen Männerkörper und Wände. Aber jetzt sitzt der 57-jährige Choreograf mit den immer ein wenig dunkel verhangenen Augen in einem dicken, abgeschabten Ledersessel in einem Aufenthaltsraum des Wiener Volkstheaters, hat die Haare wie immer zum Bürstenschnitt geschoren und erklärt ganz ernst, dass er die Oper liebt. Schlicht „New Work“ heißt das Stück, mit dem Йdouard Lock und seine Compagnie La La La Human Steps in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz das Festival Tanz im August beschließen werden. Grundlage des Stücks sind die Barockopern „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell und Willibald Glucks „Orpheus und Eurydike“. Locks Komponisten Gavin Bryars und Blake Hargreaves haben Motive der Musik aufgenommen, weitergesponnen und dekonstruiert.

Und natürlich gibt es nicht einmal Ansätze einer erkennbaren Handlung. Die Geschichte von Dido, die nicht mehr leben will, als der geliebte Aeneas im Auftrag der Götter seine Reise fortsetzt und sie verlässt, und die von Eurydike, die Orpheus bittet, sie anzuschauen, was er um keinen Preis tun darf, will er die Geliebte nicht für immer an den Hades verlieren: Für Йdouard Lock ist das zunächst einmal die Folie, um zu tun, was er immer tut. Nämlich atemlosen, hoch virtuosen, wahnsinnig schnellen Tanz zu kreieren. Und doch ist manches ein wenig anders: die Weise, wie sich Licht, Musik und Tanz verschränken, wie die Tänzer entschwinden und wie sie aus dem Nichts wieder erscheinen, wie man manchmal nicht weiß, ob da ein Tänzer oder ein Musiker im Halbdunkel still im schwarzen Anzug im Hintergrund steht. Wie das überhaupt alles immer weiter und weiter vorwärts treibt, ist eine Sehnsucht zu spüren, wie man sie sonst aus Locks Stücken kaum kennt. Йdouard Lock hatte schon immer einen Hang zu düsterer Romantik. Baudelaires „Blumen des Bösen“ und ähnliche Lektüre dürfte einen festen Platz auf seinem Nachttisch haben. Schlafen geht er oft erst im Morgengrauen, und in der Nacht tüftelt er an seinen hyperschnellen, überwachen, zu keinem Ende findenden Turbotänzen, denen immer etwas von Ahnungen und Träumen anhaftet. Nur waren diese Träume zuletzt zwar sehr kunstvoll, aber auch ein wenig leer geraten.
In „New Work“ ist die alte, soghafte Lock’sche Beunruhigung wieder da. Die Arme der Tänzerinnen zucken, vibrieren und flattern und werden gleich schon wieder zurückgerissen.

Lalala_Human_StepsDie Körper vibrieren, auf der Stelle stöckelnd stehen die Tänzerinnen auf Spitze, führen kurz die Hand an den Hals, als wollten sie an der Schlagader fühlen, ob sie pulsiert, ob sie überhaupt noch leben. Manchmal steht einer der Musiker, die sonst nur schemenhaft im Bühnenhintergrund zu erkennen sind, auf, steht still mit seinem Instrument in der Mitte, spielt, entschwindet. Manchmal steht dort ein Tänzer und dreht und wendet die Tänzerinnen, als wären auch sie das, Instrumente. Gleichzeitig sind sie diejenigen, um die sich alles dreht, und die männlichen Tänzer sind kaum mehr als ihre Erfüllungsgehilfen. Die beiden größten, muskulösesten Tänzerinnen, Zofia Tujaka und Sandra Mühlbauer, nähern sich immer wieder synchron auf Spitze stöckelnd dem Bühnenrand. Talia Evtuhenko, ein kleines Bündel mit Muskeln wie Drahtseile, gibt in irrwitzigen Verrenkungen den hadesschen Höllenhund und die Furien in Personlunion. Und die Männer drehen sie und die zarte Mi Deng und alle anderen immer wieder in diesen messerscharfen, schnellen Pirouetten, werfen ihre Arme, Beine in die Luft, knicken sie ab, hier- und dorthin geht es, in die unterschiedlichsten Richtungen gleichzeitig. „Wenn der Orpheus-Mythos davon erzählt, dass Orpheus Eurydike nicht anschauen darf, wenn er sie aus der Hölle herausbringen will, dann ähnelt es dem, was passiert, wenn wir versuchen, unsere Träume anzuschauen: Sie verschwinden“, sagt Йdouard Lock. „Es gibt Dinge, die man nicht anschauen kann, ohne sie dadurch für immer zu verlieren.“ Davon und davon, keine Ruhe geben zu können, dem Geschehen auf der anderen Seite des Vorhangs unbedingt auf die Spur kommen zu wollen, erzählt das rastlose Treiben in „New Work“.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Йdouard Locks 

New Work
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz,
Sa 27., So 28.8., 19.30 Uhr, Karten-Tel.
25 90 04 27 und 24 74 98 80

ÜBERSICHT: TANZ IM AUGUST 2011

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