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Nicolas Stemann über seine Hamburger „Faust“-Inszenierung

Nicolas-Stemann-fotografiert-von-Hanns-JoostenHerr Stemann, Ihre Inszenierung der beiden Teile des „Faust“ dauert achteinhalb Stunden. Sie haben, verteilt über mehr als ein Jahr, insgesamt gut fünf Monate geprobt. Geht es beim deutschen Großklassiker nur mit Gigantomanie?
Früher habe ich Angebote, „Faust I“ zu inszenieren, immer abgelehnt. Wenn schon „Faust“, will ich mir das Werk als Ganzes mit beiden Teilen vornehmen und dafür eine theatralische Form suchen. Die muss, glaube ich, auf irgendeine Art etwas Gigantomanisches haben. Sich darauf einzulassen, mit all den anderen „Faust“-Inszenierungen von Gründgens bis Mar­thaler und Peter Stein im Rücken, hat auch etwas von einer sportlichen Herausforderung.

Lassen sich diese 12?111 Verse überhaupt auf die Bühne bringen?
Das Theater heute kann eine ganze Menge, gerade in der  Auseinandersetzung mit Texten, die das Theater überfordern. Spätestens die Erfahrungen mit Stücken von Elfriede Jelinek haben mich auf diese „Faust“-Inszenierung vorbereitet. „Faust I“ will ins Theater, das hat Goethe als Wellmade-Play geschrieben, das hat schon zu seinen Lebzeiten auf der Bühne funktioniert. Ich wusste, dass ich das inszenieren kann. Das war bei „Faust II“ überhaupt nicht klar und gerade deswegen wollte ich beide Teile machen.

Ist „Faust II“ als unspielbare Zumutung an das Theater geschrieben?
Ich finde die Entstehungsgeschichte toll: Der Erfolgsautor Goethe schreibt das Erfolgsstück „Faust I“, beschäftigt sich dann aber für den Rest seines Lebens, über Jahrzehnte, immer wieder mit diesem Stoff, ohne je damit fertig zu werden. Wenige Wochen bevor er stirbt, schreibt er dann einfach „Finis“ drunter, versiegelt das Manuskript und sagt, für mich ist das jetzt fertig, den Rest soll die Nachwelt entscheiden. Er hat es sicher auch versiegelt, weil er keine Lust hatte, zu Lebzeiten noch von irgendjemandem gebasht zu werden, zum Beispiel weil irgendein Neunmalkluger ihm vorwirft, dass das ja überhaupt kein richtiges Theaterstück sei. Auf solche langweiligen Debatten hatte er keine Lust. Weil er Goethe ist, ist das jetzt ein Theaterstück, und das Theater muss sehen, wie es damit zurechtkommt. Goethe kann es sich leisten, ich glaube, auch mit einer gewissen Freude, diese Unverschämtheit dem Theater gegenüber einfach mal stehen zu lassen. Wenn man „Faust II“, diesen Kaffeesatz, heute liest, wirkt es wie Goethes erstaunlich präzise Vorahnung der Moderne. Es beginnt mit der Erfindung des Papiergeldes und den daraus folgenden Finanzkrisen, und es endet im Grunde mit der ökologischen Katastrophe.

Wobei die Pointe darin liegt, dass es Mephisto ist, der das Papiergeld einführt, und dem bankrotten Kaiser rät, das gleiche zu machen, was die EZB derzeit in der Euro-Krise macht: Geld drucken.
Die Entwicklungen der kapitalistischen Moderne nahmen ja zu Goethes Zeit ihren Anfang, er denkt sie im „Faust II“ pessimistisch weiter, mit einem ziemlichen Unbehagen angesichts dessen, was da kommt. Warum wird das denn alles immer schneller und immer unübersichtlicher? Das beschäftigt ihn. Die Frage ist, ob die Menschen mit dieser Beschleunigung fertig werden. Die Phänomene der Moderne werden zu Goethes Lebzeiten spürbar, das ist der Riss zwischen „Faust I“ und „Faust II“.

Was bleibt vom Klischee des „faustischen“ Menschen übrig, der getrieben von Erkenntnis- und Lebensgier keine Grenzen kennt?
Die Faust-Idealisierung hängt natürlich mit den berühmten Schlussversen zusammen: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ Diese Deutung ist heute kaum noch nachvollziehbar, die düsteren, skeptischen Töne überwiegen doch stark. Ich wundere mich, dass man das so lange übersehen konnte. Der Ego-Shooter Faust macht ja gerade am Ende so ziemlich alles falsch. Er hat ein Reich errichtet, von dem es heißt: „Krieg, Handel und Piraterie, dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“ Er bombt Philemon und Baucis mal eben weg, das glückliche alte Liebespaar aus der griechischen Mythologie. Dabei muss auch der Wanderer, der vorbeikommt, dran glauben. Der Wanderer steht bei Ovid für Zeus, den höchsten Gott, den Faust mal nebenbei beseitigt. Das ist kein strebendes Bemühen, das ist einfach nur sinnlose Gewalt.

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